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Was sollen wir essen? (3)

  1. M. AY

 

 

„Auf in den Kampf“, rief Horst, stand auf, zog sich die Jacke über und ging Richtung Ausgang des Cafés.

 

Ahmet folgte ihm.

 

„Ich habe mich überfressen“, stöhnte Horst, als sie auf den Marktplatz zugingen.

 

„Was du nicht sagst“, antwortete Ahmet mit einem breiten Grinsen.

 

Nach gut vier Wochen Gesundheitsmarathon in Sachen Ernährung, den Horst sehr diszipliniert durchgehalten hatte, war ihm wieder einmal nach „Frühstück-mit-Allem“ gewesen, und so hatten sie sich im Café Bauswein verabredet. Was eigentlich als Belohnung gedacht gewesen war, lag Horst nun im Magen wie ein Haufen Wackersteine. Mühsam bewegte er sich hinter Ahmet her, ließ den Freund vollkommen gewähren, nickte jeden seiner Vorschläge für den wöchentlichen Einkauf ab und war froh, als er sich, zuhause angekommen, endlich auf die Eckbank in seiner Küche fallen lassen konnte.

 

„Mit Kochen ist jetzt eher nix“, stellte Ahmet fest, nachdem er das Häuflein Horst am Küchentisch eine Weile betrachtet hatte.

 

Der schüttelte heftig den Kopf und sagte: „Der Duft von frisch gebrühtem Mokka wäre mir im Moment das Allerliebste!“

 

Ahmet machte sich sofort ans Werk, auch weil ihm Horsts Wunsch sehr entgegen kam.

 

„Was hast du eigentlich ausgelegt?“ fragte Horst, nachdem sie den Mokka getrunken und die Einkäufe verstaut hatten.

 

„Knapp 50 EURO“, antwortete Ahmet.

 

Horst schob einen Fünfziger über den Küchentisch. „Ganz sicher nicht mehr?“ fragte er. Ahmet nickte.

 

„Fünfzig EURO für den Wocheneinkauf“, sagte Horst. „Macht über 200 pro Monat. Für Hartz-IV-Empfänger sind 150 EURO angesetzt. Im Internet habe ich recherchiert, dass konventionelle, gesunde, vegetarische Ernährung unter 170 EURO pro Monat und Person nicht zu haben ist. Dass da die Kosten für die ganzen Gewürze, die du für eine schmackhafte Küche nun mal brauchst, schon drin sind, wage ich zu bezweifeln. Ich hatte – mit der Grundausstattung an Gewürzen – im ersten Monat nach der Umstellung auf Gesundes knapp 300 EURO an Ausgaben.“

 

„Womit klar wäre, dass eine Ernährungsumstellung wie deine, die du im Interesse deiner Gesundheit durchgezogen hast, den Empfänger von Grundsicherung bereits im ersten Monat in den Ruin treiben würde“, stellte Ahmet fest.

 

„Zieh die vielen Gewürze mal ab, auch wenn die gesünder sind als einfach nur Salz. Trotzdem wäre der Nahrungsmitteltopf des auf Grundsicherung Angewiesenen nach etwa einem halben Jahr schon am Monatsanfang so gut wie leer“, rechnete Horst aus. „Da bleibt dann nur noch der Gang zu den Tafeln. Deren Sortiment ist jetzt auch nicht immer gut und in Punkto gesund oft reine Glückssache.“

 

„Gewürze hat meine Mutter immer selbst gezogen“, warf Ahmet ein. „Wenn am Ende der Saison wirklich mal etwas fehlte, half entweder eine Nachbarin aus oder das Essen musste auch ohne schmecken. Kritisch wurde es nur, wenn Zwiebeln und Knoblauch aus waren. Ansonsten stand jeden Tag, zusätzlich zur Morgensuppe, mindestens ein leckeres warmes Gericht für uns bereit. Obwohl sie sich sehr um Abwechslung bemühte, gab es auch Zeiten mit dreimal die Woche Kohl, Lauch oder einem anderen Saisongemüse. Auch wenn sie das sehr lecker zubereitete, hing uns das natürlich irgendwann zu Halse raus.“

 

„Empfänger von Grundsicherung haben in aller Regel keinen Garten. Wovon bitte, sollen die also ihre „Gewürzschulden“ beim Nachbarn, dem es noch dazu meist keinen Deut besser geht, begleichen?“ sagte Horst.

 

„Vollwertige und gesunde Nahrungsmittel muss man sich also leisten können“, sagte Ahmet trocken. „Oder gezwungenermaßen darauf verzichten und früher abtreten als ein Wohlhabender? In einem der reichsten Länder dieser Welt!“

 

„Richtig“, antwortete Horst. „Mit dem Grundsicherungssatz alleine ist eine gesunde Ernährung dauerhaft jedenfalls nicht finanzierbar.“

 

„Aus der Politik kommen da aber ganz andere Aussagen!“

 

„Schönreden, Geraderechnen, Weglassen und darum herum lavieren… Damit eine Maßnahme mehrheitsfähig wird, das ist Politik. Hat leider allzu oft nur wenig bis gar nichts mit der Lebensrealität derer zu tun, die keine finanzkräftige Lobby haben.“