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Nachschub aus den Hinterhöfen


B. M. AY


„Horst!?“

„Wie bitte? Entschuldige. Was hattest du gerade gesagt?“

„Nichts von Bedeutung“, antwortete Ahmet amüsiert. „Aber vielleicht verrätst du mir gleich wie viele Blüten der Apfelbaum vor dem Haus trägt.“

„Keine Ahnung. Ich war ziemlich weit weg - nicht dort draußen bei dem Apfelbaum. Irgendwo in Gedanken halt“, erklärte Horst.

„Unterwegs im Corona-Nebel?“ fragte Ahmet.

„Corona? Nein, das lohnt nicht mehr. Ich glaube, dass wir den Rest dieser Katastrophe ab jetzt aussitzen können und müssen. Mich beschäftigt seit einigen Tagen was danach werden soll. Das ist allerdings im Moment noch eine ziemlich trübe Suppe für mich“, antwortete Horst.

„Nicht nur für dich“, meinte Ahmet lachend. „Themenwechsel. Wann holst du deinen Welpen ab?“

„Gar nicht!“ knurrte Horst.

„Oups!“ murmelte Ahmet betreten. „Heute ist entweder mein Fettnäpfchen-Tag. Oder mein Umfeld ist extrem empfindlich.“

„Ich weiß natürlich nicht, bei wem du dich heute schon alles die Nesseln gesetzt hast. Was mich betrifft, bin ich gerade sehr dünnhäutig, beim Thema Hund schon gar“, antwortete Horst.

„War doch alles in trockenen Tüchern“, sagte Ahmet erstaunt. „Sogar den Transportkäfig für die Abholung hattest du schon bestellt gehabt.“

„Der wurde auch pünktlich geliefert und steht jetzt unausgepackt im Keller“, erklärte Horst trocken. „Das mit dem Welpen hat sich zerschlagen. Ich habe mich lange gefragt warum. Zu viele Interessenten für zu wenige Hunde? Ich hatte öfter nachgefragt, wann ich den Welpen mal sehen könne, um mich meinerseits endgültig festzulegen. Da war der versprochene Welpe dann plötzlich ungeeignet für mich. Die Absage hat mich ziemlich deprimiert. Doch als ich diesen Züchter und sein Gebaren gerade abgehakt hatte, kam wieder eine E-mail. In der stand, dass ich natürlich grundsätzlich einen Welpen bekommen könne. Ich fragte zurück, ob denn in nächster Zeit noch ein Wurf zu erwarten sei. Selbstverständlich, war die Antwort. Und es waren auch gleich Bilder von sehr jungen Welpen dabei, die aber irgendwie nicht recht zusammenpassten und ohne das Muttertier in einem Verschlag auf einem schmuddeligen Kunstfell lagen.“

„Warum verschickt jemand Bilder von Welpen, ohne die Hundemutter?“

„Das war bei diesem Züchter vorher auch schon der Fall gewesen“, fuhr Horst fort. „Auf meine vorsichtige Nachfrage teilte mir der Züchter mit, dass er seine Hündin vor Corona zum Decken weggebracht habe, die Jungen jetzt dort auf die Welt gekommen seien und er die Welpen abholen werde, sobald man wieder reisen könne.“

„Wie lange trägt eine Hündin? Seit wann haben wir Corona? Hält der dich für blöd?“

„Du stellst zu viele Fragen“, sagte Horst. „Genau wie ich. Deshalb habe ich den damals versprochenen Welpen auch nicht bekommen. Dass auch auf den Bildern und Filmchen, die ich von diesem Wurf über WhatsApp vom Züchter bekam, auch niemals das zugehörige Muttertier zu sehen gewesen war, gibt mir heute schon zu denken. Wahrscheinlich kann ich heilfroh sein, dass es mit einem Welpen von diesem Züchter nicht geklappt hat.“

„Sehe ich ganz genau so“, bestätigte Ahmet. „Nebenbei mag der vielleicht eine regulär in Deutschland angemeldete Zucht unterhalten. Sein Hauptgeschäft ist es aber wohl, bei Bedarf Welpen irgendwo im Ausland billig anzukaufen, um sie dann hier zu Höchstpreisen zu verscherbeln. Solche Hinterhofzuchten fliegen in osteuropäischen Ländern immer wieder auf und sind dann ein Fall für den Tierschutz. Dabei wette ich, dass eine Vielzahl der Welpen, die in Erwartung steigender Nachfrage produziert werden, entweder in der Tonne landen oder ausgesetzt als Straßenhunde ihr Dasein fristen, nachdem sie als knuddelige Hundebabys doch keine Abnehmer gefunden haben.“

„Ähnliche Gedanken hatte ich mir auch schon gemacht“, sagte Horst. „Dann aber wieder verworfen, weil ich es einfach nicht hatte wahrhaben wollen. Wie bist du jetzt so spontan darauf gekommen? Ist es so leicht zu durchschauen, dieses System?“

„Ist es, mein Lieber. Weil es seit Menschengedenken auf allen Ebenen Geld in die Kassen bestimmter Leute spült“, antwortete Ahmet. „Nimm beispielsweise die Spargelstecher aus Polen, die bulgarischen und rumänischen Arbeiter in unseren Fleischfabriken und die Nordafrikaner in den Gewächshäusern von Almeria, Spanien oder auf den Obst- und Gemüseplantagen in Italien.... All diese Menschen kommen aus den Hinterhöfen, die der Kapitalismus ganz bewusst geschaffen hat und auch am Laufen hält, damit sie gegen einen Hungerlohn dort einzuspringen, wo einheimische Kräfte anständig bezahlte, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze fordern.“

„Dir ist schon klar, dass du gerade Hunde und Menschen in einen Topf wirfst?!“ fragte Horst scharf.

Ahmet beugte sich über den Küchentisch und sah Horst fest in die Augen. „Dir ist schon klar, dass es kleinen und großen Ausbeutern völlig gleichgültig ist, was in ihren Töpfen so alles schmort, solange sie die fetten Gewinne abschöpfen können“, flüsterte er.