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Wem nutzt der Impfneid?





B. M. AY



„Was ist los Horst“, bohrte Ahmet vorsichtig, als sie ihr montägliches Frühstück, das wegen Corona nun seit Wochen in Horsts Küche stattfand, beendet hatten.

„Nichts“, antwortet Horst seelenruhig. „Alles fest!“

„Nachdem du letzte Woche ziemlich aufgewühlt warst, bist du heute ausgeglichen wie schon lange nicht mehr. Du bist nachdenklich und in dich gekehrt, aber dein freundlich aufgeschlossener Blick sagt, dass du nicht etwa über einem schwerwiegenden Problem brütest oder irgendwelchen Kummer hast“, sagte Ahmet und fügte grinsend hinzu: „Vor ein paar Jahren hätte ich auf frisch-verliebt getippt.“

Horst lachte schallend.

„Letztes also schon mal nicht“, stellte Ahmet fest. „Dann hast du wahrscheinlich einen Welpen in Aussicht. Das könnte auch den proppenvollen Kühlschrank erklären. Obwohl, für den Hund geeignetes habe ich da nicht ausmachen können.“

„Du kommst auf Ideen!“ rief Horst grinsend. „Nein, das ist nun wirklich ganz simpel: Übervoller Kühlschrank kommt einfach nur von zu oft zu viel einkaufen gehen. Ich habe schon meinen Neffen bestellt, damit er sich einiges davon abholt. Und was den Welpen betrifft, habe ich mir vorgenommen zu warten bis sich der Markt und die Preise wieder normalisiert haben.“

„Also, ich habe in den letzten Monaten eine ausgesprochene Aversion gegen das Betreten von Geschäften entwickelt“, sagte Ahmet. „Das hat sicher auch mit den obligatorischen Masken zu tun, die verhindern, dass du auch nur einen Moment lang vergisst, das jeder, der dir über den Weg läuft ein potentieller Superspreader des Virus sein könnte.“

„Ja, das ist sehr nervenaufreibend“, bestätigte Horst. „Gott sei Dank habe ich zu meinen Nachbarn hier, von denen sehr viele Ü80 und bereits geimpft sind, ein zunehmend entspanntes Verhältnis. Seit etwa zwei Wochen begegnen wir uns nahezu täglich beim Einkauf drüben im Supermarkt. Sie gehen dorthin, weil er ohne Auto für sie gut und schnell erreichbar ist und ich auch. Beim Flanieren durch die Gänge füllt jeder seinen Wagen oder Korb. Wir grüßen uns kurz und sind damit auch schon auf einen Plausch draußen auf dem Parkplatz verabredet. Drinnen läuft nämlich ein Band mit der Ansage, man solle nur alleine kommen, gezielt einkaufen und den Markt schnellstmöglich wieder verlassen. Kein Corona-Witz, echt nicht!“

„Es hat sich viel verändert seit Beginn der Pandemie“, murmelte Ahmet nachdenklich. „Innerhalb weniger Monate, haben sie umgeschaltet von „Einkaufen bei sanfter Musik als Wohlfühlmassage für die Seele“ hin zu „Geld her und raus mit dir!“

„Das mit der Wohlfühlmassage war doch nie mehr als eine Illusion - ein Geldbeutel-Öffner. Solltest ausgerechnet du alter Knochen das vergessen haben?“ fragte Horst.

„Natürlich nicht“, erwiderte Ahmet. „Entschuldige die Unterbrechung. Du erzähltest gerade von deinen Nachbarn.“

„Kein Problem“, fuhr Horst fort. „Also, nach dem Einkauf treffen wir uns auf dem Parkplatz, gehen ein wenig auf Abstand, nehmen die Masken ab und begrüßen uns – endlich! – von Angesicht zu Angesicht. So können die Schwerhörigen mir von den Lippen lesen. Ich wiederum kann mich sehr entspannt auf ihre Mimik konzentrieren und sehen, ob und wie meine Worte bei ihnen ankommen.“

„Ist denn die Maskenpflicht auf dem Parkplatz aufgehoben?“ unterbrach Ahmet.

„Ähm, nein“, erwiderte Horst. „Sie ignorieren das einfach. Dieses Quäntchen wohlkalkulierter Anarchie dürfen wir den Geimpften ruhig gönnen, finde ich. Ich selbst genieße diesen nahezu risikofreien Ungehorsam so sehr, dass ich dabei auch schon mal das Gefrorene vergesse, das bei diesen Maitemperaturen eigentlich schnellstens zuhause ins Gefrierfach gehört. Und es ärgert mich – ganz anders als früher – nicht mehr, wenn ich gut gelaunt zuhause angekommen feststelle, dass es schon etwas angetaut ist. Was soll`s? Ich habe mich gut unterhalten! Das weich gewordene Vanilleeis wird wieder fest und schmeckt hernach nochmal so gut, weil ich mich beim Essen an ein nettes Gespräch erinnern darf, das noch dazu recht entspannt war, weil der vollständig geimpfte Nachbar mich nun nicht mehr ängstlich auf Abstand hält. Einige haben das auch vorher nicht getan. Da musste ich meinerseits immer auf Abstand achten, um nur ja nichts zu übertragen. Allein für das Gefühl, von meinen Mitmenschen nicht mehr als Quelle einer potentiell tödlichen Erkrankung behandelt zu werden und mich selbst auch nicht mehr als solche sehen zu müssen, gönne ich jedem, der vor mir seinen Picks kriegt, die Impfung von Herzen.“

„Diese Sicht auf die Impfreihenfolge hat etwas sehr Versöhnliches“, stellte Ahmet fest. „Ich habe mich schon so oft gefragt, wem das ständige Schüren von Impfneid eigentlich nützt.“

„Den Spaltern, mein Lieber, den Spaltern!“