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Die SelbstgeRechten

Die SelbstgeRechten

 

B.M. AY

 

 

Ahmet sah nachdenklich durch das Küchenfenster nach draußen, während Horst den Frühstücktisch abräumte, und er selbst die Utensilien für den Abschluss-Mokka auf die Arbeitsplatte räumte.

 

„Mokka wie bei Aydin“, sagte Ahmet fröhlich, stellte das Tässchen mit dem fast perfekten Schaumkrönchen auf Horsts Platz, seinen Mokka gegenüber und setzte sich. „Und jetzt erklärst du mir mal, warum wir heute zum Frühstücken hier in deiner Küche sind statt bei Bauswein oder Aydin.“

 

„Gefällt es dir hier etwa nicht mehr?“ fragte Horst spitz.

 

„Keine Ablenkungsmanöver bitte“, erwiderte Ahmet ruhig. „Auch wenn du irgendwie auf Krawall gebürstet zu sein scheinst, und ich keinem Streitgespräch mit dir aus dem Weg gehen würde, sind Scharmützel auf Nebenschauplätzen nicht mein Ding. So leicht wirst du mir nicht davonkommen, mein Lieber. Also: WARUM sitzen wir HEUTE wieder HIER!?“

 

„Ich kann nicht mehr aus dem Haus“, sagte Horst leise.

 

„Horst?!“ rief Ahmet entsetzt. „Was um Himmels Willen ist denn passiert? So plötzlich? Letzten Montag warst doch noch ganz normal drauf.“

 

„Glaubst du das wirklich?“ sagte Horst mit einem Unterton von Erleichterung. „Dann ist es doch dieser Tankstellenmord im Hunsrück. Am Tag darauf saß ich in der Küche am Laptop und schaute mir auf diversen Kanälen die Neuigkeiten des Tages an. Und da war auch diese: Einer, der noch Bier holen will, wird von einem jungen Tankstellenkassierer auf die Maskenpflicht angesprochen. Es kommt zu Meinungsverschiedenheiten. Der Maskenverweigerer verlässt den Verkaufsraum, geht nach Hause, holt eine Waffe, kommt zurück in die Tankstelle und schießt dem 20-jährigen Studenten an der Kasse kaltblütig in den Kopf.“

 

„Okay“, sagte Ahmet kopfnickend. „Das ist richtig schlimm. Als ich davon hörte und kurz darüber nachdachte wie viele junge Menschen aus meinem Umfeld das genauso hätte treffen können, war mir auch als zöge mir jemand den Boden unter den Füßen weg.“

 

„Du verstehst mich?“ fragte Horst.

 

„Absolut. Aber das war EIN gottverdammter Idiot! EIN Mord von weiß der Teufel wie vielen an einem Tag, in einer Woche… hier in unserem Land?“ sagte Ahmet leise.

 

„Nein, so einfach ist das nicht“, antwortete Horst ebenso leise. „Nicht für mich jedenfalls. Du kennst die Aussage des Täters, übrigens ein Corona-Leugner, nach seiner Festnahme? Die ganzen Umstände der Pandemie hätten ihm derart zugesetzt, dass er jetzt habe ein Zeichen setzen müssen, sagte er. Und deshalb musste ein junger Mensch sein Leben lassen? Mit genau der gleichen Begründung könnte morgen ein Corona-Paniker das Leben eines anderen Menschen auslöschen, der zufällig ohne Maske vor ihm steht.“

 

Ahmet schwieg.

 

„Und die Kommentare, die nach der Tat im Netz auftauchten. All die zahlreichen User, die dem Mörder mehr oder weniger unverhohlen Beifall klatschten. Lässt dich das kalt?“

 

„Nein“, antwortete Ahmet. „Aber glaubst du denn, dass die Welt da draußen besser wird, wenn EIN Horst sich in seiner Wohnung vergräbt?“

 

„Ich hab’s versucht“, murmelte Horst niedergeschlagen. „Es geht nicht!“

 

„Was geht nicht?“

 

„Das mit dem Rausgehen“, antwortete Horst ungehalten. „Ich hab’s versucht. Jeden Morgen aufs Neue. Die ganze letzte Woche. Weiter als bis zum Hoftor bin ich nie gekommen.“

 

Ahmet stand auf, ging um den Küchentisch, packte Horst am Kragen, zog ihn vom Stuhl hoch und sah im fest in die Augen. „Da draußen wimmelt es nur so von SelbstgeRechten. Darunter solche, die einfach nur ein bisschen plemplem sind, aber auch völlig Durchgeknallte wie der Tankstellenmörder. Die Geschichte ist voll von Psychopathen, die mit noch aberwitzigeren Begründungen ihre Anhänger aufgehetzt und ausgesandt haben, um ganze Völker auszuradieren. Das mein Lieber, sollte jedem von uns in der Schule eingetrichtert worden sein“, schimpfte Ahmet. Dann ließ er Horst auf den Stuhl zurückfallen und verließ die Küche.

 

Als er zurückkam, trug er seinen Anorak in der einen und Horsts Jacke in der anderen Hand.

 

„Wir gehen jetzt dadraußen mindestens eine Runde um den Block und danach in den Supermarkt auf der anderen Straßenseite“, sagte er mit fester Stimme.

 

Horst holte tief Luft und setzte zum Protest an.

 

„Keine Widerrede!“ beharrte Ahmet. „Das ist alternativlos. Die einzige Wahl, die ich dir gerade eben noch lasse, ist, ob du mit oder ohne Jacke das Haus verlässt.“

 

 

Fortsetzung folgt