Brigitte Wieser- Jeder Mensch hat zwei Heimatländer (2)

In Damaskus liebte ich vor allem die Märkte, und allen voran den Lebensmittelmarkt am Souq Sarouja. Ich fuhr dort ein- oder zweimal wöchentlich zum Einkaufen hin. Ausländer habe ich dort nur selten gesehen; die hielten sich wohl eher an die Supermärkte und die Obststände in ihrer Wohnumgebung. Für mich war dies der Inbegriff des exotischen 1001 Nacht, ein Schwelgen in Fülle. Es gab unendlich viel zu sehen, zu riechen und zu schmecken. Ganz am Anfang des Markts befand sich der Felafelhändler meines Vertrauens. Ob man nun ein Felafelsandwich, welches außer mit den köstlichen frittierten Kichererbsenlaibchen noch mit Hommos, Tomaten, Kraut, Gurken, eingelegtem Kürbis befüllt und auf Wunsch mit einem scharfen Paprikapulver bestäubt war, bevor es eingerollt wurde, wählte, einige Stück einfach so mitnahm und dann aus dem braunen Papiersack knabberte, oder nach Hause brachte und dort verzehrte – nur selten kam ich daran vorbei. Die nächsten Geschäfte boten Milch und Eier an. Die Eier gab es in der Maßeinheit Dutzend zu kaufen, die Milch wurde per Kilo abgewogen und in Plastiksäcke abgefüllt, die dann verknotet wurden. Die Obst- und Gemüsestände barsten – vor allem im Sommer und Herbst – nur so vor Farben, und jedes Obst und Gemüse schmeckte auch so, wie es schmecken soll.

Als nächstes zum Fisch, da musste man nur der Nase nachgehen. Frischer Fisch und gefrorener, auch kleine Haifische, die uns so manches gegrillte Haifischsteak oder solches in Pfeffersauce genießen ließen. Die nächste Abteilung fand ich eher grauslich (obwohl ich Fleisch esse). Der Fleischsoukh: Gehäutete ganze Schafe hingen an Haken vor den Geschäften, der Saft troff runter auf das Trottoir, und es roch dementsprechend. Auch die Fliegen haben den Weg leicht gefunden und waren in Schwärmen zugegen. Die Schafsköpfe waren pittoresk in den Schaufenstern ausgestellt – oft mit einem Petersilienbüschel im Maul. Meistens habe ich die Luft angehalten und bin schnurstracks dort durchmarschiert. Manchmal habe ich in den nachfolgenden Geschäften noch ein wenig Putenfleisch – das habe ich in Damaskus sonst nirgends gefunden – eingekauft. Und dann kamen schon die Vorräte: Reis, Mehl, Linsen… in Kilopackungen oder offen. Die Stände, die Nüsse, Pistazien, sowie Bonbons anboten. Und die Süßigkeiten, manche mit Mandeln oder Pistazien angereichert, jede picksüß. Mein Favorit war Kanafe Nablisi, hauchdünne Nudeln und darauf Käse, der sich zieht, wenn er warm ist, natürlich auch mit Zuckersirup. Nicht unerwähnt lassen will ich, dass ich dort, trotz Weihnachtsbäckerei der Mama und einigen Selbstversuchen – die weltbesten Kokosbusserl gegessen habe, zart und doch fest, außen knusprig, innen weich, aber nicht letschert, und nicht zu süß! Und dann gab es noch die Stände, wo sauer eingelegtes Gemüse angeboten wurde. Das war auch nicht so mein Fall, denn das war wirklich sauer! Die Oliven mochte ich dagegen sehr, und besuchte auch gern die Käsestände. Dort gab es frische Butter, weißen und gelben Käse, aber auch Joghurt, cremig oder fest; ich habe es wie Topfen verwendet. Und dann die Kaffeegeschäfte; man roch frisch gerösteten Kaffee. Man ließ sich die bevorzugte Sorte mahlen, je nach Belieben mit oder ohne Kardamon.

Einmal hab ich mein Geldbörsl im Auto vergessen, am Beifahrersitz, und zugesperrt hatte ich auch nicht. Das Portemonnaie befand sich am selben Fleck. Geld hat auch keines gefehlt.

Ziemlich am Anfang meines Aufenthalts ging ich mit einem Freund aus Österreich durch die Altstadt. Wir waren eingeladen. Bei den vielen engen Gassen und unserem miesen Orientierungssinn haben wir uns verirrt. Wir wussten nichtmehr vor und zurück. Da haben wir einen Mann nach dem Weg gefragt. Dieser führte uns eine Stunde lang durch die engen Gassen von Bab Touma und lieferte uns schließlich bei unseren Gastgebern ab. Versuche meines Begleiters, ihm ein wenig Geld zuzustecken, wurden mit”Ahlan wa sahlan” (herzlich willkommen) erwidert; genommen hat er nichts.

Ein Freund hatte Besuch aus Österreich und machte Sightseeing. Dabei vergaß er seine Tasche auf einem Platz. Am nächsten Tag ging er wieder dorthin, in der Hoffnung seine Tasche wieder zu finden. Sie war nicht da. Als er sich etwas verstört umsah, kam ein Ladenbesitzer auf ihn zu und fragte: “Suchst Du Deine Tasche? Ich habe sie in mein Geschäft gestellt, damit sie nicht staubig wird” …

Mein Bruder hat mich in Damaskus besucht. Wie er mit dem Taxi in die Stadt kommt und umgekehrt, hab ich ihm gezeigt, aber dummerweise vergaß ich, ihm, als er Damaskus auf eigene Faust erkundete, Kleingeld mitzugeben. So lief er mit ein paar großen Scheinen im Portemonnaie durch die Altstadt. Irgendwann wurde er durstig und wollte in einem kleinen Laden sein Getränk mit einem Tausend-Pfund-Schein (szt. ca. 15 Euro) bezahlen. Der Besitzer hatte nicht genug Wechselgeld und hat ihm das Getränk geschenkt. Am nächsten Tag hat ihn mein Bruder natürlich wieder aufgesucht und das Getränk bezahlt. Mein Bruder hat mich damals nur widerwillig besucht. Es ging ihm privat nicht gut. Nach seinem 10-tägigen Syrienaufenthalt war er ein neuer Mensch, voller Energie und Tatendrang.

Ich könnte noch ewig weiter erzählen, vielleicht sogar ein Buch füllen. Ich bin sehr traurig über das was passiert ist. Da die Wiege der Menschheit ja angeblich im heutigen Syrien liegt, gibt es die Redensart: “Jeder Mensch hat zwei Heimatländer – Syrien und sein eigenes. Für mich ist das wahr geworden.