YAHU! WAR`S DAS JETZT ENDLICH?

B. M. AY

Ich hatte also das Passwort meines e-mail-Accounts geändert. Wenige Tage später stolperte ich im Netz über den offiziellen „Hinweis auf Datendiebstahl“ meines Providers. Eine Verlautbarung, in der sich der „Chief Information Security Officer“ auf eineinhalb Seiten so bedeckt wie möglich hielt – bis auf die Stelle wo er mitteilt, man vermute, an dem Datendiebstahl seien staatlich geförderte Akteure beteiligt gewesen.

Am 11. November, dem offiziellen Beginn des Karnevals, sitze ich gemütlich beim Kaffee. Ich blättere durch die Tagespresse, bleibe an einer Überschrift hängen und lese den Artikel: Bei dem Datenklau sollen auch sogenannte Cookies platziert worden sein, die ein Ausspähen der Accounts auch ohne Passworteingabe ermöglichen, lautet die Pressemitteilung des Providers. Der Kaffee ist inzwischen kalt. Da kann ich auf die Plätzchen auch verzichten.

Nix wie raus, Yahu!

Ich laufe in Richtung der Weinberge, steige die Terrassen hinauf. Eigentlich hatte ich ganz nach oben gewollt – der Aussicht wegen. Doch auf halber Höhe angekommen, saust von hinten eine Hand auf meiner rechten Schulter nieder. Zu Tode erschrocken fahre ich herum. Er lacht schallend und schlägt sich dabei vor Vergnügen auf die Schenkel – der, dem die Hand gehört: Einer, in für die Jahreszeit viel zu luftigem ärmellosem weißem Umhang, mit nackten Füßen in Riemchensandalen und einem Kranz aus Weinlaub und Plastiktrauben über dem hochroten Gesicht.

“Gestatten – Dionysos, Gott des Weines, Sohn des Zeus”, sagt er und rülpst. „Tschuldigung. Das kommt von dem Zeug da“, erklärt er kichernd und deutet auf ein Fässchen im Bollerwagen hinter sich. „Federweißer“, haucht er selig und die Fahne, die mir gleich darauf um die Nase weht, verrät, dass der Vorrat im Fässchen wohl gegen Null geht.

Hilflos schaue ich mich um. Weit und breit keine Menschenseele. Obendrein hat er meinen Weg an einer Stelle gekreuzt, die mir jegliches Ausweichen und Weitergehen unmöglich macht. Er scheint recht harmlos zu sein, wenngleich der Stoff, mit dem er seinen Körper geflutet hat, ihn auch ganz plötzlich unberechenbar werden lassen könnte. Versuch`s mal auf die witzige Art, denke ich. „Wir sollten weitergehen, bevor Zeus uns von dort oben entdeckt“, versuche ich ihn vom Fleck zu locken. „Keine Panik!“ sagt er. „Der Alte sitzt drunten im Hades bei einer Partie Backgammon mit dem Herrn der Unterwelt.“ Mist! denke ich und allmählich wird mir warm. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaue ich ihn fragend an. „Du glaubst mir wohl nicht?“ fragt er beleidigt, zieht ein funkelnagelneues Smartphone aus seiner Umhängetasche und hält es mir direkt unter die Nase. „Da schau! Lifeschaltung!“ sagt er. „Der links ist mein Alter.“ Ich erlaube mir nur einen kurzen Blick auf das Video auf dem Display. Mir fehlen die Worte, und bevor ich meinen Gedanken, wo er das denn geklaut habe, aussprechen kann, erklärt er mit leuchtenden Augen: „Mit Flatrate! Hat Hermes mir besorgt.“

„Ah, der Gott der Diebe“, sage ich amüsiert, froh meinen Gedanken relativ gefahrlos einflechten zu können. „Nicht nur das“, doziert Dionysos mit erhobenem Zeigefinger. „Er ist auch der Gott der Wanderer und war bis vor kurzem Götterbote – mein Halbbruder. Dann war er die Rennerei leid, und als die moderne Nachrichtentechnik aufkam, hat er kurzerhand aufgerüstet, einige Dutzend von diesen Dingern hier beschafft und unter den Göttern des Olymp verteilt. Nun sitzt er an den schönsten Plätzen dieser Erde, sortiert und bündelt die Daten, die ihm sein Server liefert, nimmt Bestellungen aus aller Welt entgegen, verkauft Bewegungsprofile an Großkonzerne, Regierungen, Nachrichtendienste…. Aber seine mit Abstand beste Kundin ist Hera – Göttermutter und Gattin des Zeus. Seit sie entdeckt hat, dass sie den Alten mithilfe der Technik des Hermes praktisch lückenlos überwachen kann…. Mann, war das ein Tanz als der Alte rausfand, dass Hera im Besitz einer brandneuen App ist, die Alarm schlägt, wenn er zum Seitensprung auch nur ansetzt. Da ließ er das Smartphone einfach zuhause liegen oder schaltete es bei diversen Gelegenheiten ab. Hera hat ihm dann mit Scheidung gedroht, und er musste die digitale Fußfessel wohl oder übel akzeptieren. Seitdem sitzt er tagein tagaus mit seinem Bruder Hades in der Unterwelt am Spieltisch und hofft, dass die Göttergattin – ob des immer gleichen Programms – der Überwachung irgendwann müde wird.

“Da kann er lange warten. Eher kriegt er eine mittelschwere Depression vom Rumsitzen“, unterbreche ich den Redefluss.

„Hat er doch längst“, flüstert Dionysos konspirativ. „Genau wie all die anderen Götter auf dem Olymp, seitdem die Menschheit sie abserviert hat.“

„Und du?“ frage ich. Du scheinst ja auch etwas neben der Spur zu laufen, denke ich bei mir. Dionysos lächelt überlegen. „Da mach dir mal kein Kopp. Mein Job war von Beginn an krisensicher, und er wird es bis in alle Ewigkeit bleiben. Auf den Hermes werden sie genauso wenig verzichten können…. Apropos Verzicht – ich muss nachfüllen“, sagt er, deutet auf das Fässchen und hat es plötzlich sehr eilig.

Heilfroh ihn endlich los zu sein, sehe ich ihm nach, bis er hinter der nächsten Wegbiegung verschwindet. Sicher ist sicher! Dann mache ich mich gedankenversunken auf den Heimweg. „Dass es ausgerechnet und exklusiv dieser Beiden bedarf, um die Massen bei der Stange zu halten?!“ grummelt mein Bauch.

„Schmarren!“ kontert der Kopf. „Der Kerl war sternhagelvoll! Yahu!“