Von Schnecken, Werren und vom Teilen

B. M. Ay

„Du, Abba“, sagt die Natie sehr ernst und reißt dabei die Augen ganz weit auf. „In unserem Garten haben die Schnecken fast alles abgefressen was die Mama gesät hat.“ Die Natie ist vor zwei Monaten vier Jahre alt geworden. Sie ist immer dann bei uns, wenn Mama und Papa auf der Arbeit sind und – so wie heute auch – der Kindergarten geschlossen hat.

Wir hatten einen Rundgang durch unseren Hausgarten gemacht, dabei eine große Anzahl  Schnecken mit Haus aufgesammelt und sie auf einer Wiese im Feld ausgesetzt. Viele Gemüsepflanzen hatten löchrige Blätter – Spuren von Schneckenfraß, hatte ich Natie erklärt. Nach getaner Arbeit hatten wir uns nebeneinander auf die Terrassentreppe gesetzt und schweigend eine Weile in den Garten geschaut.

Ich warte noch etwas zu, denn manchmal macht die Natie eine Denkpause, bevor sie weiterspricht. „Ja“, antworte ich dann. „Das ist sehr ärgerlich.“

„Und die Mama war stinksauer auf die Schnecken. Ich bring sie alle um, hat sie gesagt.“ Pause. „Aber die Mama bringt doch keine Tiere um!“ erklärt die Kleine im Brustton der Überzeugung.

„Nein, ganz bestimmt nicht!“ beeile ich mich zu bestätigen.  Aber wenn das Frühjahr so nass ist wie in diesem Jahr, denkt selbst Naties Mama über rigorose Schneckenbekämpfung ernsthafter nach. Einzelne Löcher in wenigen Blättern verkraften die Pflanzen recht gut. Auch mit dem Verlust ganzer Blätter können sie gut überleben, solange der Haupttrieb unangetastet bleibt. Wenn jedoch ganze Bataillone der schleimigen Spezies anrücken, fressen sie des Gärtners mühsam gehegte Jungpflanzen in einer einzigen Nacht mit Stumpf und Stiel ab.

„Die sind ganz schön gemein, die Schnecken!“ stellt die Natie entrüstet fest.

„Naja,“ antworte ich. „Es sind halt sehr viele dieses Jahr. Und sie haben ordentlich Hunger.“

Abrupt steht das Kind auf, runzelt die Stirn, verschränkt die Arme, stampft mit dem linken Fuß auf und schürzt die Lippen. „Wegen denen gibt es dieses Jahr im Garten keine Gurken. Das ist sehr wohl gemein!“ ruft sie und geht die Treppe hinunter. Ich bleibe oben und schaue zu, wie sie unten auf dem Gehweg hockend das Moos zwischen den Pflastersteinen herauspuhlt, erst schnell und ärgerlich, dann langsamer und mit längeren Pausen. Schließlich hört sie ganz auf, und es scheint als betrachte sie ihr Werk. Dann steht sie auf und schaut zu mir hoch.

„Wir haben auch Werren im Garten“, sagt sie.

„Ich weiß“, antworte ich vorsichtig. Werren oder Maulwurfsgrillen leben weitgehend unterirdisch, sehen gruselig aus und können, wenn sie in Massen auftreten, auch eine rechte Plage sein. Die Natie findet sie interessant und begutachtet sie ausgiebig – wie die Schnecken auch – wenn sie mal eine zu Gesicht bekommt – tot oder lebendig.

„Die knabbern immer unsere Radieschen an“, fährt sie fort. „Und nachts auch die Erdbeeren.“

„Aha“, antworte ich.

„Ja“, sagt sie. „Die Radieschen und die Erdbeeren haben dann Löcher. Die schneidet die Mama raus bevor wir sie essen.“

„Genauso würde ich das auch machen“, bestätige ich ihr, obwohl ich mir – ob des Aussehens der netten Tierchen – dessen nicht so ganz sicher bin.

Da kommt sie die Treppe hoch und setzt sich wieder neben mich, schweigend zunächst.

„Du, Abba“, sagt sie dann ganz unvermittelt. „Die Werren sind nicht so gemein wie die Schnecken. Die teilen mit uns!“