TEILEN? – TEUFLISCH GUTER PLAN!

B. M. AY

„Guten Morgen, mein Lieber! Herein mit Dir! Ich hab mich schon gewundert wo du heuer bleibst!“ rief Hades, Herrscher der Unterwelt, mit breitem Grinsen, als der Kopf seines Bruders im Türspalt erschien. Das ließ sich Zeus nicht zweimal sagen und schob seinen massigen Körper durch den Türspalt in den Thronsaal.

„Darf ich?“ fragte er und deutete auf den leeren Thron neben dem des Bruders.

„Bitte schön“, antwortete Hades. „Wie jeden Frühling geht Persephone ihrer Mutter Demeter in der Oberwelt zur Hand, bis Herbstanfang. Dein Deal. Du erinnerst dich? Wenn es nach mir ginge…. Aber ich will mich nicht beschweren. Den Rest des Jahres steht sie mir ja treu zur Seite.“

Schweigend saßen sie eine Weile nebeneinander, umringt von unzähligen Schattenwesen, die den Neuankömmling vorsichtig, nichts desto trotz sehr neugierig, beäugten und dabei immer näher rückten.

„Was führt dich zu mir?“ fragte Hades.

Zeus schwieg.

„Das Übliche?“ bohrte Hades weiter. „Wer war es diesmal? Wie heißt sie? Kenne ich sie?“ Doch Zeus blieb stumm. Hades breites Grinsen entlud sich in schallendem Lachen. Erschrocken stieben die Schattenwesen auseinander.

„Sie hat dich also wieder mal vor die Tür gesetzt, deine Frau“, kicherte er. „Immerhin, dieses Jahr hat Hera etwas länger gebraucht, um dir auf die Schliche zu kommen. Ich hatte schon befürchtet, dass du dir deine außerehelichen Eskapaden abgewöhnt hast. Aber jetzt bist du ja da. Ist verdammt einsam hier unten ohne Persephone.“

Weil Zeus sich so beharrlich jeder Äußerung enthielt, stieß Hades ihn mit dem Ellbogen in die Seite. „So ist sie nun mal, die Hera. Rasend eifersüchtig und unerbittlich konsequent, wenn es um deine kleinen Schwächen geht“, stellte er mit schadenfrohem Unterton fest.

Zeus lief rot an, die blitzförmige Zornesader an seiner linken Schläfe schwoll gefährlich.

„Wie sprichst du mit dem Herrscher des Olymp!“ donnerte er.

„Du bist hier in der Unterwelt, mein Lieber“, entgegnete Hades völlig ungerührt.

„Du vergisst, dass ich auch hier unten das letzte Wort habe!“ wollte Zeus weiterpoltern, besann sich aber eines Besseren, denn die Unterwelt war der einzige Zufluchtsort, wenn Heras Eifersucht im Olymp tobte, und er auch in keinem Winkel der Oberwelt sicher vor ihr war.

„Wie wär`s mit einem guten Topfen, zur Feier des Tages?“ fragte Hades versöhnlich.

Zeus nickte. Hades klatschte in die Hände. Einige der Schattenwesen brachten in Windeseile ein Tischlein mit delikaten Vorspeisen und ein Fässchen Wein.

„Weißt du eigentlich, was für`n Knochenjob meine Herrschaft ist?!“ lallte Zeus zu vorgerückter Stunde, als die beiden das zweite Fässchen fast geleert hatten. „Diese Menschenmassen! Jedes Jahr kommen Zehntausende dazu – trotz Pest und Cholera. Ich komme gar nicht mehr hinterher mit Überwachen, Ordnung schaffen, Strafen verhängen…. Und was ist der Dank dafür? Sie hassen mich! Einige machen bereits Anstalten uns, allen voran mich, mitsamt dem Tempelkult und sonstigem Brimborium komplett abzuschaffen, erzählte mir Hermes neulich. Dann ist`s vorbei mit dem guten Leben. Da nutzt die ganze Unsterblichkeit nix! Hades, was soll ich tun?“

„Du musst sie teilen, unterteilen….“ antwortete Hades ruhig.

„Wie?!“ unterbrach Zeus.

„In Schwarze, Weiße, Rote, Gelbe zu Beispiel, die wiederum in Arme und Reiche und so fort. Lass dir was einfallen. Das Ziel ist die Spaltung in möglichst viele verschiedene Kleingruppen. Wo? Wie? Völlig egal! Hauptsache du gibst jeder Gruppe eine eigene Identität, die sie als Fahne oder als Wappen vor sich herträgt.“

„Und?!“ fragte Zeus ungeduldig

„Viele unterschiedliche Gruppen sind leichter zu beherrschen, als eine große Masse, in der Alle gleich sind.“

„Sie hassen mich!“ rief Zeus. „Kleingruppe? Große Masse? Was macht das für einen Unterschied!?“

„Keinen, bis hierhin. Denn noch fehlt das Salz in der Suppe. Das lässt du ganz langsam von oben einrieseln, Körnchen für Körnchen, bis die Kreation so recht nach unserem Geschmack ist.“

„Geht`s vielleicht ein bisschen deutlicher?!“ rief Zeus.

„Na, wenn du sie erfolgreich gespalten und jeder Gruppe das Bewusstsein von Einzigartigkeit und Überlegenheit eingeimpft hast, brauchst du nur noch eine gute Mischung von Misstrauen, Neid, Unfrieden und Missgunst zwischen ihnen auszubringen und schon ist unser Problem gelöst“, erklärte Hades mit dämonischem Grinsen.

„Aha?!“ grummelte Zeus abschätzig.

„Nun, sobald die Saat aufgegangen ist, werden sie anfangen sich zu untereinander zu belauern, zu hassen und zu bekriegen. Das sichert uns allen die Existenz. Zumindest solange wie sie glauben, dass sie ihre Feinde nur mit unserer Hilfe besiegen können, sie sich also gut mit uns stellen müssen.“

„Hades du bist genial! Teuflisch gut, dein Plan! Könnte glatt von mir sein.“