…los im Schatten der Gier

B. M. AY

Mein Tagwerk ist beendet. Aus dem 17ten Stock werfe ich einen kurzen Blick auf das schwarze Asphaltband tief unter mir, wo sich die Rücklichter der Autos wie eine lange Lichterkette in Richtung Autobahn bewegen. Die Stadt atmet aus: verbrauchte Menschen in ihren Vehikeln – endlos. Dann gleitet mein Blick über die Skyline. Dunkle schlanke Türme, reich geschmückt mit hell erleuchteten Fenstern, die aus der Ferne den Eindruck von glitzernden Armbändern auf makelloser, blauschwarzer Haut vermitteln. Rote Warnleuchten für den Luftverkehr krönen ihre Häupter. Banken, Versicherungen und Großkonzerne haben sich hier eingenistet, in den besten Lagen der Metropole des Euro. Die riesigen Kathedralen unersättlicher Gier stellen Alle und Alles in den Schatten, ihren Schatten.

Im Aufzug nach unten schaue ich in viele Gesichter – ausdruckslos; die Lider halb geschlossen, zu schwer, um auch nur einen einzigen Blick zu erwidern. Alle wollen nur das Eine: Raus hier, möglichst schnell – ausnahmslos. „Erdgeschoss“, sagt die Stimme vom Band kurz bevor die Tür aufgeht. Ich trete hinaus auf den halbdunklen Flur. Die anderen setzen ihren Weg in die Tiefgarage fort. Draußen schneidet mir die eisige Abendluft ins Gesicht – erbarmungslos. Ich beschleunige meine Schritte und lege noch einen Zahn zu, als in der Ferne die Scheinwerfer einer Tram auftauchen. Meine? Meine! Zwischen den Gliedern der Blechlawine, die sich vor der roten Ampel staut, schlängele ich mich über die dreispurige Straße in Richtung der Haltestelle, wo sich die Türen der Tram gerade wieder schließen. Hektisch drücke ich mit dem Zeigefinger fest in die Mitte des grünen Leuchtdiodenkreises im Türrahmen. Sesam öffnet sich. Glück gehabt!

Grau-grün-braun-gesprenkelte Augen mustern mich freundlich beim Einsteigen und folgen mir bis zu meinem Sitzplatz. Ich lasse mich nieder – atemlos, lockere den Schal an meinem Hals und wende meine Aufmerksamkeit dem Besitzer des außergewöhnlichen Augenpaares zu. Er hat etwas von einem Schäferhund. Auch ein Husky ist unverkennbar mit drin. Die Augen und sein cremefarbenes, fast weißes, gepflegt glänzendes Fell verleihen ihm einen Hauch von Mystik. Majestätisch steht er da – ohne Halsband und Leine. Direkt daneben, in der Türnische der Bahn: Sein Herr? Die beiden gehören zusammen – zweifellos. Der Mann, der das Anfahren und Abbremsen der Bahn auf seinen zwei Beinen genauso sicher und stoisch ausgleicht wie sein vierbeiniger Begleiter, trägt eine graue Winterjacke über grauer Hose. Die grauen Stiefel mögen in besseren Zeiten schwarz gewesen sein. Graue Handschuhe und die farblich passende Pudelmütze runden das Outfit ab. Dass die zusammengerollte mit zwei schwarzen Bändern sorgfältig geschnürte etwa 5cm dicke Schaumstoffmatratze einen grauen Bezug hat. Zufall?

Einige Stationen später wechselt die Ausstiegseite. Kurz bevor die Tram hält, begeben sich die Beiden in die gegenüberliegende Türnische – lautlos. Sie kennen die Strecke gut – fraglos. Wissen sich einander verbunden – wortlos. Es hatte noch nicht einmal eines Blickes zur Verständigung bedurft. Als die Tram wieder anfährt, kehren sie zum alten Platz zurück – geräuschlos. Als ob sie schwebten, denke ich verwundert, denn man auf dieser Sorte Bodenbelag hört man wirklich jeden Schritt, die von Hunden wegen der Krallen sowieso.

„Südbahnhof – umsteigen zu den Zügen…, sagt die Frauenstimme vom Band. Ich greife meine Taschen und gehe die Sitzreihen entlang in Richtung des Ausstiegs. Von der entgegengesetzten Seite kommt mir eine Frau, Mitte zwanzig, entgegen. Als sie neben mir an der Tür steht, und wir, den Hund schräg hinter uns, darauf warten, dass die Tram hält, kann ich sehen, was sie in der durchsichtigen Plastikbox vor ihrem Bauch trägt.

„Das Abendessen für den Hund“, sage ich mit Blick auf das Kaninchen in der Box. „Nun, das will ich nicht hoffen“, antwortet sie ruhig. Wir mustern den Vierbeiner, der betont desinteressiert an uns vorbei zur Tür schaut.

„Der muss das Kaninchen doch riechen“, sage ich. Sie nickt. „Ganz sicher sogar. Ich rieche es ja auch“, antwortet sie.

Die Tram hält. „Noch nicht einmal umgedreht hat er sich danach, geschweige denn einen Laut von sich gegeben. Verdammt gut erzogen!“ sage ich so laut, das alle Umstehenden es nicht überhören können. Das bin ich, die in geordneten Verhältnissen nachts warm und trocken schläft, den Beiden schuldig. Stellvertretend für alle, die ein ähnliches Dasein in dieser Stadt fristen: Obdachlos im Schatten der Gier.