Reicht es? - Auf jeden Fall!


B. M. AY





















„Was für eine Überraschung!“ rief Horst, als er die Tür öffnete und Ahmet völlig unerwartet draußen auf der Treppe stehen sah. „Komm in die Küche. Ich wollte mir gerade einen kleinen Mittags-Imbiss machen. Machst du uns den Tee dazu?“

„Entschuldige, aber ich musste mal daheim raus. Und es ist ja alles zu wegen dem Corona“, sagte Ahmet etwas verlegen, während er sich ans Teekochen machte und Horst den Tisch deckte.

„Ganz schön geplündert, der Laden“, murmelte Horst beim Blick in seinen Kühlschrank. „Das reicht nie und nimmer. Da muss ich wohl noch was holen gehen.“

„Lass mal sehen“, sagte Ahmet und studierte den Inhalt des Kühlgeräts. „Also, wenn du noch eine Zwiebel hättest, reicht das für uns beide dreimal.“

Horst brachte das Gewünschte und Ahmet machte sich am Herd zu schaffen: Zwiebeln schneiden, anbraten, Gemüse raspeln, schneiden und andünsten, zwei gekläpperte Eier darüber, stocken lassen....

„Menemen! Greif zu“, sagte Ahmet fröhlich, stellte die Pfanne auf den Tisch und den Korb mit Horsts Brotresten daneben, goß Tee in die Gläser und setzte sich zu Horst an den Küchentisch.

„Puh“, sagte Horst nach dem letzten Bissen. „Ich bin pappsatt! Du hattest recht. Aber wie konntest du dir so sicher sein, dass es für uns beide dicke reichen würde?“

„Wie kannst du dir so sicher sein, dass ich mir so sicher war?“ gab Ahmet die Frage mit einem Augenzwinkern zurück.

„Zumindest hast du auf mich genau diesen Eindruck gemacht“, antwortete Horst.

„Hab ich also eine Punktlandung hingelegt“, sagte Ahmet und grinste verschmitzt. „Der Inhalt deines Kühlschranks war jetzt echt nicht üppig, und ich sah das auch. Da hab ich einfach so getan, als sei ich davon überzeugt, dass es mehr als genug ist.“

Horst sah den Freund schräg an.

„Ich hatte keine andere Wahl, Mann“, verteidigte sich Ahmet grinsend.

„Ich hätte auch kurz in den Laden gegenüber gehen können, Mann“, erklärte Horst lachend.

„Einkaufen gehen kann jeder, zumindest hier“, antwortete Ahmet nachdenklich. „Aber das ist nicht überall auf dieser Welt und zu allen Zeiten so. In meinem Heimatdorf kamen die Menschen immer grad so über die Runden. Schnell mal was einkaufen? Fehlanzeige! Außer den Angestellten in der Verwaltung, der Schule und auf dem Gericht, konnte sich das keiner leisten. Und doch hat selten jemand wirkliche Not gelitten. Wenn es mal an etwas fehlte, würde sich das in Kürze regeln. Davon waren wir alle überzeugt.“

„Kann klappen, vorausgesetzt der Zusammenhalt stimmt“, warf Horst ein.

„Und die Einstellung zu dem was da ist“; fuhr Ahmet fort. „Mit dem was da ist alle satt zu kriegen, habe ich von Tante Ayse gelernt. Wie einige andere Frauen aus dem Dorf zog sie während des Sommers mit dem einigem Hausrat und ihren Töchtern vom Tal in ihre Almhütte um. Dort bewirtschaftete sie ein großes Stück Land, während ihr Mann und ihr Ältester sich wochentags hier und da als Tagelöhner verdingten. Nur einmal pro Woche verließ sie die Alm, um ihre Ernteüberschüsse auf dem Wochenmarkt im Tal zu verkaufen und davon das Allernötigste einzukaufen.“

„Das Leben auf der Alm war um einiges schlichter als unten im Tal. Die Frauen kochten draußen auf offenen Feuern, schafften das Wasser in Krügen aus einer Quelle herbei und schwatzten abends handarbeitend beim Licht einer Petroleumlampe. Weil es dort oben nach Sonnenuntergang rasch erfrischend kühl wurde, während sich im Tal die Hitze des Tages meist bis in die frühen Morgenstunden hielt, folgte ich meinem Onkel oft, wenn er abends zur Hütte hinaufstieg. Und ich war nicht der Einzige aus dem Dorf. Fast jeder Dörfler hatte während des Sommers Verwandte auf der Alm wohnen. So kam es, dass die Veranda oft schon voll war, wenn wir mit ein paar Laib Brot im Gepäck auf die Hütte zugingen. Tante Ayse hockte mit ein paar Frauen etwas unterhalb im Garten, rührte seelenruhig in ihren beiden Töpfen das Tagesgericht und begrüßte jeden Neuankömmling so fröhlich als hätte sie mindestens vier Töpfe auf dem Feuer stehen.“

„Als Jugendlicher schien es mir selbstverständlich, dass sie es schaffte tagtäglich für eine wechselnde Anzahl von Gästen in immer nur diesen zwei Töpfen genauso viel zu kochen, dass es stets reichte, obwohl sie nie im Voraus wusste, wie viele Personen letztendlich zum Essen erschienen.“

„Als Familienvater mit reichlich Lebenserfahrung hab ich sie dann mal gefragt, wie sie das hinbekommen hat. Ach weiß du mein Bub, hat sie da geantwortet. Ich habe die Menschen beobachtet und daraus gelernt: Solange du sie glauben machst, es sei mehr als genug für alle da, essen sie nur halb so viel, wie sie eigentlich bräuchten. Erweckst du dagegen den Eindruck es sei knapp, dann putzen sie doppelt soviel weg wie ihnen guttut.“

„Gewitztes Persönchen, deine Tante“, sagte Horst anerkennend. „Sind die bei euch alle sopfiffig?“

„Einhundert Prozent!“ seufzte Ahmet. „Gott allein weiß warum.“