Hanaa

B. M. AY

Ich sitze im winzigen Café meines Lieblingsbäckers vor einem großen Pott dampfenden Milchkaffees – zwei Tische, vier Stühle, dazwischen viel Platz, alles sehr übersichtlich. Ich bin verabredet mit Hanaa, in einer Viertelstunde, wenn sie denn kommt. Hanaa hat schon öfter Termine platzen lassen. Sie kommt dann einfach nicht, erscheint dafür Tage oder Wochen später im Büro der Integrationsberatung mit konkreten Fragen und Ideen zu Kursen und anderen Angeboten. Hanaa hat ihren eigenen Kopf, ihr eigenes Tempo und ihre eigenen Vorstellungen davon was gut ist für sie und ihre kleine Tochter.

Damit eckt sie im Labyrinth der Integrationsmaschinerie immer wieder an; verärgert Fallmanager, die sie möglichst schnell aufs „rechte“ Gleis bugsieren wollen, indem sie um Bedenkzeit bittet und sich auch herausnimmt Angebote abzulehnen. Hanaa besteht sozusagen auf einem für sie gestrickten Integrationspaket, einem mit dem sie gut klarkommt, und sie nimmt sich auch das Recht selbst zu entscheiden, was sie leisten kann und wo ihre Grenzen sind. Man hatte ihr einen der raren Plätze in einem Integrationskurs mit Kinderbetreuung freigehalten. Das sei wie ein Sechser im Lotto, hatte die Leiterin des Integrationskurses zu Hanaa gesagt. Und was macht Hanaa? Sie sagt ab, nachdem sie den Weg dorthin, bei dem sie zweimal den Bus wechseln muss, probeweise mit dem Kind gefahren ist und sich die Betreuung angeschaut hat. Stattdessen sucht sie in Eigeninitiative an ihrem Wohnort einen Krippenplatz für die zweijährige Tochter und nun, da sie ihr Kind gut untergebracht weiß, aus den vorhandenen Angeboten die für sie passenden heraus.

Hanaa habe die besten Voraussetzungen etwas auch sich zu machen. Und sie könnte schon viel weiter sein, wenn sie früher zugegriffen hätte bei den Angeboten, ausgearbeitet von Fachleuten, die genau wissen was es für einen erfolgreichen Start in Deutschland braucht. Sie müsste sich halt mehr führen lassen, hatte man mir gesagt. Und das soll ich ihr jetzt schmackhaft machen!?

Die Tür geht auf und Hanaa kommt herein. „Hallo, ich freue mich, dass Sie gekommen sind“, sage ich und deute auf den zweiten Stuhl am Tisch. „Was möchten Sie trinken?“ frage ich, nachdem sie ihre Winterjacke ausgezogen und sich gesetzt hat. „Tee, bitte“, sagt sie und lächelt. Hanaa lächelt viel, wenn sie spricht, wenn sie zuhört… eigentlich immer; außer wenn sie an mir vorbei und durch die Scheibe in meinem Rücken gedankenverloren nach draußen schaut. Dann ist sie für kurze Momente – ihre Augen verraten es – sehr weit weg.

Ich versuche eine Unterhaltung in Gang zu bringen, frage sie was ich teilweise schon von Dritten über sie weiß. Außerdem möchte ich gerne von Hanaa etwas über Hanaa erfahren. Sehr langsam, mit vielen Pausen, in denen sie sich die passenden Worte zusammensucht, erzählt sie, dass sie 22 Jahre alt und verheiratet ist, eine kleine Tochter hat, die jetzt gerade in der Krippe ist. Sie komme aus Syrien, aber eigentlich sei sie Palästinenserin, sagt sie. Die Großeltern sind noch in Palästina. Ihr Vater ist in Damaskus und ihre Mutter in Berlin. Auf die Frage warum sie nicht auch in Berlin sei, antwortet sie, dass ihr Mann hier am Ort eine Arbeit gefunden habe. „Sie sprechen Arabisch?“ frage ich sie. Sie nickt. „Mama kann Englisch und Französisch auch – ich nur Arabisch“, sagt sie. „Und Sie möchten einen Platz in dem Deutschkurs für Frauen am Dienstagvormittag haben?“ frage ich. „Ja, ich muss lernen Deutsch – besser“, antwortet sie. „Gut, dann melde ich Sie in diesem Kurs an“, sage ich, obwohl ich – wie alle anderen – der Meinung bin, dass Hanaa dort eigentlich unterfordert ist. „Danke!“ sagt sie und strahlt mich an. Nachdem sie gegangen ist, bestelle ich mir noch einen Milchkaffee, sortiere meine Gedanken und Eindrücke.

Hanaa führt einen Haushalt, erzieht ein Kind und hat in ihrer kurzen Biographie Ereignisse stehen, die mir für den Rest meines Lebens hoffentlich erspart bleiben. Sie ist Flüchtling in zweiter – vielleicht sogar dritter – Generation. Palästina – Damaskus – Deutschland: Diese Familie hat Erfahrung im Ankommen, in Neuorientierung, Neubeginn und im Durchstarten. Auch wenn uns das unendlich schwer fällt; geben wir Hanaa etwas mehr von dem was sie wirklich braucht: Zeit zum Ankommen in Ruhe und Frieden.