Ganz die Mutter! Oder doch der Vater?

B. M. AY

„Frühstück ist fertig!“ rief Zekiye Hanim aus der Küchentür hinaus auf den Flur. Wenig später kam Ahmet Aga die Treppe herunter. Der Ziegensittich, der in seinem Käfig auf der Anrichte nur stiller Beobachter gewesen war, während Zekiye Hanim den Küchentisch gedeckt hatte, begann aufgeregt im Käfig herum zu hopsen und machte sich mit einem eigentümlichen „Gemecker“ lautstark bemerkbar. Ahmet Aga trat an den Frühstückstisch, nahm ein Stück Gurke und ging damit zum Käfig.

„Da hast du deinen Teil“, sagte er. „Sonst gibst du ja doch keine Ruhe.“ Blitzschnell schnappte sich der Vogel den Leckerbissen mit dem Schnabel, nahm ihn dann zwischen Zehen des rechten Fußes und knabberte – auf dem linken sitzend – genüsslich daran herum. Dabei ließ er Ahmet Aga nicht aus den Augen. Als der sich einige Trauben in den Mund schob, ließ der Vogel die Gurke fallen und forderte lauthals seinen Anteil. Ahmet Aga halbierte eine Traube, stand auf und reichte dem Vogel die eine Hälfte.

„Du kommst ganz nach deiner Mutter“, murmelte er dabei – so, dass Zekiye Hanim es gerade noch hören konnte. Ungehalten hob die die rechte Augenbraue – just als Ahmet Aga sie wieder im Blick hatte.

Ahmet Aga griff nach einem Brötchen. Sofort ließ der Vogel die Traube fallen und bot die ganze, ihm zur Verfügung stehende, Palette Bettellaute auf, bis Ahmet Aga nachgab und ihm das geforderte reichte. Es folgten ein Stückchen Tomate, etwas Ei und sogar ein Bröckchen Käse. Der Vogel hat`s wirklich drauf, dachte Zekiye Hanim amüsiert. Als Ahmet Aga die Hand nach den grünen Rucolablättern ausstreckte, geriet der Vogel außer Rand und Band, hüpfte aufgeregt von einer Sitzstange zur anderen und steigerte die Lautstärke seiner Bettelrufe, die dem Nölen eines übermüdeten Kleinkindes sehr ähnlich waren, bis zum Äußersten.

„Jetzt reicht`s mir aber!“ schimpfte Ahmet Aga, nahm etwas Rucola und stopfte es zwischen den Gitterstäben hindurch ins Käfiginnere. Dann griff er nach der Küchenschürze seiner Frau und deckte damit den Käfig zu.

„Unglaublich! Wie der mich hier nach seiner Pfeife tanzen lässt. Das hat er von seiner Mutter!“ schimpfte Ahmet Aga. Zekiye Hanim schwieg – scheinbar ungerührt. Allein die Aufwärtsbewegung ihrer rechten Augenbraue verriet, dass sich in ihrem Inneren etwas zusammenbraute. Ahmet Aga war das genauso wenig entgangen, wie der Hauch von Purpur, der über ihr Gesicht gehuscht war. Er räusperte sich. „Der Vogel muss raus hier“, sagte er im Hausherrenton. „Bei dem Terror, bleibt einem das Frühstück ja im Halse stecken.“

„Kommt überhaupt nicht in Frage. Du selbst hast dem Vogel beigebracht, dass er jedes Leckerli von dir bekommen kann, wenn er nur ordentlich Terz macht, sobald du auf der Bildfläche erscheinst. Dafür kann das Tier absolut nichts“, antwortete Zekiye Hanim betont ruhig und mit gedämpfter Stimme.

„ Da schau her! Kann nichts dafür! Ja, kann ich vielleicht was dafür, dass ich so weichherzig bin!“ knurrte Ahmet Aga gereizt.

Wie auf Kommando begann der Vogel hinter seiner Verhüllung erneut an zu „meckern“, erst leise wie fragend, dann laut fordernd. Mit einem zornigen „Öff!“ sprang Ahmet Aga auf, stürzte zum Käfig und riss die Schürze herunter. „Willst du wohl Ruhe geben, du Gierschlund. So schlimm war ja nicht mal deine Mutter!“ schrie er den verdatterten Vogel durch die Gitterstäbe an.

„Aber der Vater. Aber der Vater“, murmelte Zekiye Hanim vor sich hin – gerade so laut, dass Ahmet Aga es noch hören konnte.

Ahmet Aga fuhr herum. „Was du nicht sagst. Du musst ihn ja verdammt gut gekannt haben, seinen Vater!“ stellte er spöttisch fest.

„Na ja…“, erwiderte Zekiye Hanim gedehnt. Das „Mindestens genauso gut wie du seine Mutter.“ schluckte sie genüsslich hinunter. Das hatte sie von ihrer Mutter. Samtig und warm rann das Gold des Schweigens ihre Kehle hinunter. Sie schickte noch einen ordentlichen Schluck Tee hinterher und lächelte versonnen.