Frühstück bei Bauswein

B. M. AY

„Was für eine Überraschung! Wie geht es dir?“ rief Horst.

„Soweit, so gut“, antwortete Ahmet. „Und was treibst du so?“

„Ich lasse mich treiben“, erwiderte Horst.

„Ohhhh! Ich werde angetrieben, den lieben langen Tag“, seufzte Ahmet und fügte verschmitzt hinzu: „Es sei denn, ich mache mich in der Früh rechtzeitig aus dem Haus.“

„Ja, Mann hat es nicht leicht!“ rief Horst lachend. Im Stillen beneidete er Ahmet: Faconschnitt, gepflegter Bart, volles Gesicht, frisch gebügeltes Hemd unter handgestricktem Pullunder, leichtes Wohlstandsbäuchlein, dass von exzellenter mediterraner Küche zeugte. Wie einer, der schon am frühen Morgen Hals über Kopf das Haus verlassen musste, sah sein alter Freund und Arbeitskollege nun wahrhaftig nicht aus.

„Gut schaust du aus“, sagte Horst. „Ich bin auf dem Weg zu Bauswein; Frühstücken, wie jeden Montag. Magst du nicht mitkommen? Ich lade dich ein.“

Ahmet spürte kurz in seinen Magen hinein, wo sich Börek, gegrillte Paprika, Feta, Oliven, Tomate, Gurke und Weißbrot in der Morgensuppe tummelten, die Zekiye Hatun zum Frühstück machte, seit sie auch in Rente war. Eigentlich war er auf dem Weg in sein Stammcafé gewesen, heute etwas früher als sonst. Denn Zekiye Hatun hatte gleich nach dem Frühstück Großputztage angekündigt und ihm unmissverständlich mitgeteilt, wann und wobei sie seine Hilfe erwartete. Weil – in seinen Augen – nichts davon der sofortigen Erledigung bedurfte, und er sich auf eine unruhige und sehr stressige Woche einstimmen musste, hatte er beschlossen erst einmal die Flucht zu ergreifen. Dass die Wohnung immer blitzblank war, wusste er sehr wohl zu schätzen. Allein der Sinn des regelmäßigen Großputzes, den Zekiye Hatun alle zwei bis drei Monate veranstaltete, hatte sich ihm – auch nach 45 Ehejahren – nicht erschlossen. Anfänglich hatte er versucht, sie davon zu überzeugen, dass zweimaliges Großreinemachen im Jahr völlig ausreichend sei, sogar den Rat seiner Mutter gesucht. Die hatte sich sein Klagen geduldig angehört, ihm beim Abschied die Hand auf den Arm gelegt und gesagt: „Mein Sohn, auch wenn du das Familienoberhaupt bist; was die Sauberkeit und Ordnung in Haus und Hof betrifft, hat deine Frau das letzte Wort. Und, sie hat ihren Bereich so gut im Griff, wie es sich jede Schwiegermutter für ihren Sohn nur wünschen kann.“

„Also?“ fragte Horst freundlich.

Ahmet nickte. „Für ein kleines Frühstück – ein Zweites – hätte ich schon noch Platz“, sagte er. Das Stammcafé kann warten, dachte er. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg ins Café Bauswein, redeten über die alten Zeiten in der Gießerei, wo sie fast 30 Jahre als Kollegen Seite an Seite gearbeitet und so manchen Arbeitskampf durchgestanden hatten.

„Und, was hast du so gemacht, in den gut eineinhalb Jahren, die wir uns nicht mehr gesehen haben?“ fragte Horst, als Ahmet sich den letzten Bissen in den Mund geschoben hatte. „Ach, wir waren jetzt drei Mal für einige Monate in der alten Heimat. Wir haben da ein Ferienhaus am Strand, ganz in der Nähe des Dorfes in dem ich aufgewachsen bin“, antwortete Ahmet mit einem Hauch Melancholie in der Stimme.

„Hat sich wohl viel verändert da drüben?“ fragte Horst vorsichtig weiter. Ahmet zog die Stirn in Falten. „Ja und Nein“, sagte er leise und fuhr fort: „Selbst wenn dort so gut wie alles beim Alten geblieben wäre, so hat sich etwas ganz entscheidendes grundlegend verändert: ich, der Ahmet.“ Dann sah er eine ganze Weile sinnend an Horst vorbei ins Leere. „Natürlich hat sich auch das Land verändert – Stunde um Stunde, Jahr um Jahr, die ganzen Jahrzehnte über, die wir uns nur im Urlaub begegnet sind – die Heimat und ich. Wir haben uns verändert. Sie und ich. Leider nicht gemeinsam. Nein, jeder für sich. Und so sind wir uns fremd geworden.“

„Verstehe“, sagte Horst zwischen zwei Bissen. „Wirklich?“ fragte Ahmet. Horst nickte, Ahmets Mine hellte sich auf und dann sprudelte es nur so aus ihm heraus: „Weißt du, als wir das erste Mal für länger unten waren, haben wir das kleine Anwesen komplett renovieren lassen. Beim zweiten Aufenthalt haben wir neue Möbel und Teppiche ausgesucht, die Saison im Kreise unserer Nachbarn verbracht und hatten sogar ein wenig Gemüse im Vorgärtchen stehen. Wir waren rundum zufrieden. Endlich hatten wir erreicht, wovon wir all die arbeitsreichen Jahre in Deutschland geträumt hatten. Die letzten Paprika und Auberginen von dort haben wir dann hier gegessen und uns dabei auf die kommende Saison gefreut. Das dritte Mal reisten zwei Monate vor Saisonbeginn an. Meine Frau ging im obligatorischen Großputz auf und ich machte den Garten zurecht. Nach drei Tagen war sie fertig, saß meistens auf der Terrasse und sah mir bei der Gartenarbeit zu. Das zumindest glaubte ich, bis mir auffiel, dass sie von Tag zu Tag einsilbiger wurde. „Holzauge sei wachsam“, dachte ich eines Nachmittags. „Da braut sich etwas zusammen.“ Ich beschloss in die Offensive zu gehen und das drohende Unwetter mit frischem Mokka abzuwenden. Als ich mit den dampfenden Mokkatässchen auf dem Tablett auf die Terrasse kam, sah sie mich an und lächelte kurz. „Lieb von dir“, sagte sie traurig „Ich habe solche Sehnsucht nach den Kindern…. Pass auf!“ Das Tablett segelte zu Boden, die Mokkatassen zerschellten auf den Fliesen, der Inhalt verteilte sich in alle Richtungen, meine Frau sprang auf um Besen und Wischlappen zu holen…. Sie ist unser Schicksal – die Sehnsucht. Als wir hier ankamen vermissten wir die Eltern, die in der Heimat zurückgeblieben waren. Heute begleitet uns die Sehnsucht nach den Kindern, die in Deutschland Fuß gefasst haben, wenn wir in die Heimat zurückkehren, um langgehegte Träume zu leben.“