Brigitte Wieser- A place of smiling peace (1)

Von Februar 2007 bis Dezember 2011 habe ich in Damaskus gearbeitet und gelebt.

Zum Zeitpunkt meiner Bewerbung für den dort frei werdenden Arbeitsplatz war das Land für mich ein “weißer Fleck auf der Landkarte”. Ich kannte kaum jemanden, der schon dort gewesen war, und die wenigen verfügbaren Informationen in Reiseführern etc. waren auch nicht besonders aufschlussreich. Da ich zuvor schon Erfahrung in zwei “Krisenländern” gesammelt hatte, wagte ich das Abenteuer mit meiner damals 10 Monate alten Tochter und läutete damit die schönste Zeit meines Lebens ein.

Was ich besonders schätzen und lieben lernte, waren die gastfreundlichen, kinderliebenden und herzlichen Menschen, das gute Essen, das Reisen, und die Art der Menschen, denen Hektik fremd schien. “Boukra”, morgen, war ein dehnbarer Begriff, “inshallah boukra”, also morgen, so Gott will, konnte eine Zeitspanne von einem Tag bis zu mehreren Tagen, Wochen, Monaten oder sogar Jahren bedeuten. Andererseits ist es mir oft passiert, dass Dinge wesentlich schneller geregelt wurden als in Europa. Dass Handwerker, mit der Situation konfrontiert (alleinstehende Frau, mit kleinem Kind, “das muss ja gebadet werden”), Extraschichten schoben bzw. sogar am “Heiligen Freitag” arbeiteten, um das Problem schnellstmöglich zu lösen (versucht mal bei uns, am Wochenende einen Installateur zu bekommen, wenn der Boiler undicht ist und das Wasser aus der Deckenlampe rinnt!)  Während des Essens und des Betens war Störung verpönt, man ließ sich auch nicht stören. Besuch kam – erwartet oder unerwartet – fast täglich, und wurde auch oft gemacht, wobei Pünktlichkeit eher Unbehagen hervorrief. Ein guter Gast kam 1-2 Stunden nach der vereinbarten Zeit, ansonsten wurde er von der Hausfrau im Schlafrock mit Lockenwicklern empfangen, oder die Gastgeber waren noch gar nicht zu Hause.

Der Straßenverkehr, der für manche Europäer eine Quelle ständigen Ärgers war, war relativ einfach zu durchschauen, wenn man folgende Regeln beherzigte:

1. Der schnellere fährt zuerst,

2. Immer mit allem rechnen,

3. Verkehrsschilder, Ampeln, Zebrastreifen sind ein Kann, aber kein Muss,

4. Für Schwächere (alte Menschen, etc.) wird gebremst.

Ein wirkliches Problem hatte ich nie. Klar sind mir jungsche Typen nachgelaufen mit “I love you”, “Je t’aime” etc. Es reichte meist ein böser Blick. Einmal hab ich jemanden, der mir näher gekommen ist als mir lieb war, angeschrien, da ist er sofort zurückgewichen und hat “Sorry, Maam” gemurmelt. Und weg war er. Eine Freundin hat bei einem Anlassigen den Schuh ausgezogen und angedeutet ihn damit schlagen zu wollen. Der ist sofort davongerannt (der Fuß und der Schuh gelten bei Muslimen als unrein).

Verschiedenste Ethnien und Konfessionen (Sunnis, Shias, Alawiten, Drusen, Kurden, Maroniten, Katholiken, Protestanten, Armenier, Kurden, Orthodoxe,…) lebten damals friedlich mit- bzw. nebeneinander. Sogar die Gotteshäuser waren seinerzeit teilweise nicht mal einen Steinwurf voneinander entfernt, manchmal sogar nebeneinander. Konfession war damals ziemlich wurscht. Deshalb war Damaskus  für mich auch “a place of smiling peace” – und ein Beweis, dass unterschiedliche Religion nicht zwangsläufig ein Problem sein muss.

Es gab in Damaskus und in ganz Syrien viele wunderschöne Dinge anzusehen: Märkte, Altstadthäuser, römische Ruinen, Kreuzfahrerburgen, Wüstenschlösser, alle möglichen Ausgrabungen, Wassertempel, die syrische Küste,…. Habe vieles gesehen, in Palmyra war ich insgesamt 14 Mal, an der syrischen Mittelmeerküste, nördlich von Lattakia, von Ostern bis Oktober oder November ca. einmal im Monat am Wochenende. Wir haben dort einen Strand gefunden, mit dunklem Lavasand, in der Nachbarbucht zur Sommerresidenz des Präsidenten, welcher wesentlich ruhiger war als das geschäftige Leben um Lattakia. Kleine Bungalows mit Hock-Klo, aber direkt am Meer, und das Essen wurde nicht nur im “Restaurant” einem mit Palmblättern überdachten Areal), sondern auf Wunsch direkt auf die eigene Terrasse serviert. Es gab Fisch oder Huhn, gegrillt, sowie die üblichen Vorspeisen. Meine Tochter äußerte einmal den Wunsch nach einem Eis; sodann setzte sich der Restaurantbesitzer aufs Moped und fuhr einige km zum nächsten Geschäft. Bekleidungsmäßig gab es alles: Von Mädels im Bikini, der nur das notwendigste verhüllte, bis zu Matronen, die mit Hijab im Sand saßen und oft mit dieser Gewandung auch ins Wasser gingen. Und es gab auch Bier: Das Al-Shark (“Osten”) Bier in der wahlweise weißen, braunen oder grünen 0,66-l-Flasche für den großen Durst wurde von mir schon scherzhaft “Ferienbier” getauft, denn dieses gab es nur im Norden, und es schmeckte uns auch nur dort.

Meine Tochter wusste ich auch immer gut aufgehoben. Wenn ihr in unserem Bungalow langweilig wurde, besuchte sie die anderen Familien, ging mit den Kindern zum Strand. Manchmal kam eine ganze Horde von Kindern, darunter meine Tochter, zu uns, um Süßigkeiten abzustauben, dann sah ich sie wieder mit einer gefüllten Zucchini in der Hand, die sie irgendwo anders bekommen hatte, von einem Haus zum nächsten laufen. Anfangs war ich ein wenig unruhig, aber da ich sie immer in bester Obhut fand, konnte ich mich dort auch herrlich von meiner Aufgabe als alleinerziehende Mama und Vollzeit-Berufstätige erholen.

Fortsetzung folgt…