Brigitte ATAN- WARUM ICH KEINE HANDTASCHE HABE?

Wenn ich mich mit anderen vergleiche was die Klamotten betrifft, dabei wahrscheinlich auch etwas neidisch bin, darauf was die so haben, ich es aber nicht gebacken bekomme mir gleiches, ähnliches oder zumindest auf meinen Typ zugeschnittenes gleichwertiges zu kaufen. Ist das dann ein Ausdruck davon, dass ich mir diese Dinge nicht wert bin?

Eine Handtasche besitze ich auch nicht. Weil ich es mir nicht wert bin? Nun, ich hasse die Dinger, die im einen Fall so klein sind, dass man sie beim Weggehen einfach übersieht und am fehlenden Gewicht auf der Schulter auch nicht vermisst, weil sie so federleicht sind, dass sie einem erst wieder in den Sinn kommen, wenn man schon ganz weit weg ist. Und was ist mit den ganz großen, den XXL-Bags? Die kannst du beim besten Willen nicht übersehen. “Nimm mich mit!” schreien die ganz laut, sobald du auch nur darüber nachdenkst eine Lokalität zu verlassen. Dummerweise machen die aber auch jeden deiner Begleiter total schamlos an. “Hey”, raunen sie. “Was schleppst du dich ab mit dem Zeug da in deiner Hand. In meinem Bauch ist ganz viel Platz.” Und schon hast du, neben deinem eigenen, auch noch den Grusch von allen möglichen anderen am Hals oder vielmehr auf der Schulter.

Und last not least gibt es jenen Typ von XXL-Bags, die es gar nicht mögen aufgeräumt zu werden. Sie lieben es, ungestört und mit vollem Bauch, zwischen den Ausflügen nach draußen, in irgendeiner Ecke – möglichst in Haustürnähe – vor sich hin zu dösen. Und weil bald keiner mehr so recht weiß was drinnen ist, werden ihre Ruhezeiten immer länger. Wer sucht schon gerne auf Verdacht in einer übergroßen, gut gefüllten Handtasche herum, ohne zu wissen, ob das Gesuchte überhaupt darinnen ist. Das sind nur drei Gründe von vielen, warum ich es mir wert bin auch auf den Besitz einer Handtasche zu verzichten.

Ich bin mir dies oder jenes nicht wert? Was heißt das? Ist es der Tatbestand des NICHTKAUFENS, der mich wertlos macht? Das wäre gut für die Wirtschaft, aber sehr schlecht für mich, denn ich habe nicht die Ressourcen, die es mir gestatten meinen Wert in Erwerb und Besitz von Konsumgütern aufzuwiegen. Was, wenn mein Wert unendlich groß ist? Und ich mir gleichzeitig all das wert bin? Dann ist dieser Weg ein Fass ohne Boden, an dessen Ende mir nur die Privatinsolvenz bleibt. Aber was bin ich dann noch wert? Für die, die mir die ganzen Jahre eingeredet haben, dass ich meinen Wert nur mit dem Kauf ihrer Produkte demonstrieren und erhalten kann, bin ich dann ein NICHTS. Per Gerichtsbeschluss entfernt aus dem aberwitzigen Selbstwertgenerator, dessen einziger Treibstoff mein Konsum ist – je mehr desto besser. Wie, das macht für dich keinen Sinn (mehr)? Du weigerst dich da mitzuspielen? Dir ist schon klar, dass du damit das ganze System in Schieflage bringst! Und doch lässt du dich nicht abbringen von deinem Irrweg? Dann bist du ja noch viel verantwortungsloser als die Verlierer ganz da unten. Die haben wenigstens alles gegeben, bevor sie – nicht ganz freiwillig, zugegeben – aus dem System ausgeschieden sind

Angenommen es gibt eine Reihe von Dingen – materiell oder immateriell – die ich mir nicht gönne, weil ich sie mir nicht wert bin. Mit anderen Worten: Ich verzichte auf „Schönes“ und „Angenehmes“, weil ich denke, dass ich den Besitz, das Erlebnis, das Glück … nicht verdient habe. Na und? Was geht es mich an was ich über mich denke! Muss mich das interessieren? Muss es nicht! Jeder darf über mich denken was er will. Also auch ich. Bin ich nur deshalb automatisch wertlos, weil ich eine schlechte Meinung von mir habe? Ganz sicher nicht! Aber weil Ober nun mal Unter sticht – und zwar ohne Ausnahme – wandern die spitzen Gedanken immer ein Stück nach unten wo sie ein schlimmes Bauchgefühl erzeugen, ganz im Sinne derer, die uns tagtäglich ihre Produkte anzudrehen versuchen.