B. M. AY- Werdeunterricht und …

Über den Marktplatz kommend, sah Horst schon von weitem seinen Freund Ahmet an einem der Zweiertische direkt neben dem Eingang ihres Stammcafés sitzen. Er beschleunigte seine Schritte.

„Schön, dass du schon da bist. Komm lass uns hochgehen“, sagte er beschwingt. Und als Ahmet keine Anstalten machte sich zu erheben, fügte er hinzu: „Ich habe ordentlich Hunger.“

„Na dann“, antwortete Ahmet. „Lass uns Essen fassen. Aber ich möchte heute Morgen lieber hier unten im Freien sitzen.“

„Wenn das geht – warum nicht“, murmelte Horst erstaunt.

„Geht, hab schon gefragt“, versicherte Ahmet.

Als sie mit gut gefüllten Tabletts wieder unten vor dem Eingang standen, sagte Horst ärgerlich: „Schön und gut, aber die Tische sind zu klein für ein Frühstück zu zweit.“

Ahmet schob die beiden Tische zusammen. „Gut jetzt?“ fragte er herausfordernd.

Horst verkniff sich eine Bemerkung zu den unbequemen Stühlen.

„Warum hier unten?“ fragte er stattdessen, während er sich die Brötchen aufschnitt.

„Weil ich dort oben keine Luft bekomme – heute“, erklärte Ahmet. „Wäre ich nicht mit dir verabredet gewesen, säße ich jetzt bei Tee und Simit im meinem Türkencafé.“

„Wie bitte! Du sagst Türkencafé? Ausgerechnet du! Was zum Teufel?!“ Horst schnappte nach Luft.

„Genau das habe ich mich gestern Abend auch gefragt. Hast du Nachrichten geschaut, Horst? Sie denken LAUT! darüber nach für Migrantenkinder einen verpflichtenden Werteunterricht einzuführen, zusätzlich, nachmittags, Nachsitzen in Sachen Werte sozusagen“, sagte Ahmet tonlos.

„Hhm“, antwortete Horst. „Hab ich mitgekriegt. Also ich kann darüber nur schallend lachen.“

Ahmet lief rot an. „Ich nicht!“ rief er zornig. Passanten drehten sich erschrocken um. „Ich nicht!“ wiederholte leise.

Horst nickte verständnisvoll.

„Und wenn das so weiter geht, bekomm ich hier nicht mal mehr im Freien Luft“, bemerkte Ahmet niedergeschlagen.

Schweigend nahmen sie ihr Frühstück ein.

„Nein“, begann Horst, nachdem er die Tabletts abgeräumt und noch zwei Becher dampfenden Kaffees auf den Tisch gestellt hatte. „Komisch ist das wahrhaftig nicht. Aber es ist lachhaft. Weil es ihnen dabei gar nicht um wirkliche Werte gehen kann. Davon gibt es vielleicht eine Handvoll. Die sind essentiell und überall auf der Welt gleich. Die nimmt und bringt jeder Mensch mit, ganz egal wohin er geht und woher er kommt.“

„Sagst du“, knurrte Ahmet finster.

„Du hörst sie von Werten reden und bist zu Recht empört. Denn eigentlich fordern sie:

Werde arbeitssüchtig und bienenfleißig.

Werde Mülltrenner.

Werde Würstchenfan.

Werde Vereinsmeier.

Werde Kartoffelliebhaber.

Werde Tatort-Gucker.

Werde Weihnachtmarktfan.

Werde Glühweingenießer.

Kurz, werde deutsch und das 150%ig“, antwortete Horst ruhig.

 

„Werde blauäugig?!

Werde hellhäutig?!

Werde blond?!“ ergänzte Ahmet spitz.

Horst nickte. „Im Extremfall vielleicht sogar das.“

„Und wenn ich das alles bin? Bin ich dann ein echter Deutscher?“ hakte Ahmet nach.

‚Nein, dann bist du das Opfer ihrer Integrationsansprüche‘, dachte Horst bei sich.

„Werde, werde, werde…. Wie zum Teufel soll ich entscheiden was davon gut für mich ist?“

„Werde ganz einfach was du werden willst oder auch überhaupt nichts davon. Bevor diese unseligen Debatten hochgekocht ist, warst du ja auch wer. Einfach so, ganz selbstverständlich: Ahmet, Arbeiter, Türke, Familienvater… – ohne dass du oder irgendjemand anders darauf auch nur einen einzigen Gedanken verschwendet hätte.“

„Du hast gut reden. Schlussendlich möchten wir doch nichts anderes als einfach nur dazugehören“, warf Ahmet ein.

„Tut ihr doch. Mag das den Werteschreiern nun passen oder nicht“, beschwichtigte Horst.

Ahmet schwieg eine ganze Weile und sagte dann, bewusst ohne Horst dabei anzuschauen: „Ihr legt also fest, wie wir zu sein haben, damit es euch gut geht mit uns?! Wie war das doch noch mit der Gleichheit? Wenn es die tatsächlich gibt, dann wollen wir doch gleich mal festlegen, wie ihr zu sein habt, damit es uns gut geht mit euch.“

„Prima Idee“, sagte Horst aufgeräumt. „Jeder kommt mit seiner Liste und schon haben wir Gespräche auf Augenhöhe. Ich bin dabei. Vielleicht finden wir am Ende heraus, dass sich keine der beiden Seiten wirklich stark verändern muss. Etwas Toleranz, ein Quäntchen Empathie, eine Prise Menschlichkeit, zwei Esslöffel Gelassenheit… anstelle von Ignoranz, Misstrauen, Vorurteilen und Ängsten. So könnte ich mir den Kultureintopf vorstellen, der alle gleichermaßen einlädt mit Genuss zuzulangen.“