B. M. AY- TEILEN – IST MENSCHLICH

Teilen heißt abgeben, von dem was man hat. Über das WIEVIEL? gibt es die meisten zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen überhaupt. Um knappe und unverzichtbare Güter werden erbitterte Verteilungskämpfe ausgetragen. Krieg nennen wir das landläufig, wenn es dabei zu grenzüberschreitenden, übergriffigen Handlungen kommt. Mit Blick auf das Elend, das bewaffnete aber auch ökonomische Kriegsführung verursacht, müssten wir uns – ethisch und moralisch gesehen – Gedanken über Teilungs- und Verteilungsmodalitäten zu machen; rechtzeitig bevor die Spirale der Gewalt sich zu drehen beginnt.

Wieviel Teilen soll und muss also sein? Das hängt davon ab wieviel die Besitzer von Gütern ihr Eigen nennen, wieviel sie davon abgeben können und möchten, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Es hängt aber auch vom Bedarf der Empfänger ab. Ist der Mangel beim Empfänger groß, benötigt er naturgemäß mehr. Hat er selbst genug, wird er dankend ablehnen oder der Höflichkeit halber nur eine kleine Menge annehmen. Es sei denn er ist ein Horter. Der Horter hat kein Gefühl für Genug, nimmt alles was er kriegen kann, ohne Rücksicht darauf, ob es ein anderer vielleicht nötiger bräuchte. Obendrein fehlt ihm das Bewusstsein dafür, dass das in seinem Lager angehäufte über kurz oder lang zu verrotten beginnt, und so auch für ihn unbrauchbar wird. Dass langlebige Güter wie Edelmetalle zwar nicht selbst dem Verderb anheimfallen, sehr wohl aber – bei allzu ungerechter Verteilung – zum Verderb des sozialen Klimas führen, ist dem Horter völlig schnuppe. Er möchte besitzen – um jeden Preis. Dafür wischt er jegliche Moral und Ethik einfach beiseite, macht sich jedes X für ein U vor, verkauft sich und aller Welt die schwarzen Pulverdampfwolken am Horizont als Morgenröte, Vorbotin der Besten aller Welten, die die Menschheit je sah…. Kurz, sie alle arbeiten doch nur für eine bessere Welt, in der jeder hat was er zum Leben braucht – ganz selbstverständlich ohne dass sie selbst dafür mit anderen teilen müssen.

Wir sitzen beim Frühstück. Unsere Aufmerksamkeit pendelt zwischen dem eigenen Teller und den Frühstückstellern jener, die an den Nachbartischen sitzen. Unser „Sechs-Teile-für- 4,95-Frühstück“ reicht aus ein wohliges Sättigungsgefühl zu erzeugen. Am Tisch direkt neben uns, nehmen zwei sehr junge Damen Platz – beide mit dem „Sechs-Teile-Frühstück“. Die Eine rückt die Komponenten auf ihrem Tablett mehrmals hin und her, nickt dann zufrieden, zückt ihr Smartphone, fotografiert IHR Frühstück, tippt schließlich hastig einige Wort ins Smartphone. „So“, sagte sie zu der Anderen, ihr gegenübersitzenden. „Das hätten wir. Ich habe mein Frühstück gerade mit 54 Personen geteilt, unserer Gruppe. Du verstehst?“ Die Angesprochene nickt nur. Sie kaut schon auf beiden Backen. „Du hast 54 Personen mitgeteilt, was du dir gerade eben zum Frühstück geholt hast?“ hakt sie nach, als sie den Mund wieder frei hat. „Ja, ich habe soeben mein Frühstück mit 54 Personen geteilt. Ich habe auch noch andere Gruppen, größere und kleinere. Mit denen teile ich andere Dinge. Schließlich kann man ja nicht alles mit jedem teilen.“ kommt die Antwort.

Nein, ich habe mich nicht verhört! Teilen hat sie gesagt, und sie ist der festen Überzeugung, dass sie soeben etwas geteilt hat. Während sie ihr Gegenüber mit Belehrungen über das Teilen – zumindest wie sie es versteht – zutextet, versuche ich zu begreifen, ganz altmodisch-analog: zwei Brötchen, eine Scheibe Käse, ein Ei, 20g Butter, und ebenso viel Marmelade geteilt durch 55 (wahrscheinlich wird sie auf Ihren Anteil nicht verzichten wollen) ergibt? Na, wieviel? Jedenfalls ist es lächerlich wenig. Nach ungefähr einer viertel Stunde verschwindet der letzte Bissen des „geteilten“ Frühstücks in ihrem Mund. Genialer Trick: Sie teilt ihr Frühstück mit 54 Personen und isst es dann ganz alleine auf. Das muss ich jetzt erstmal verdauen!

Ja, sollen wir denn ab sofort auf die Nutzung der sozialen Medien verzichten?! Mitnichten, sind sie uns doch ein recht netter Zeitvertreib, gut gegen das aufkommende Einsamkeitsgefühl, wenn wir – alleine gelassen mit uns selbst – nicht so recht wissen was anfangen mit diesem unbekannten, unberechenbaren Selbst.

Nutzen wir diese Medien also freudig zum Totschlagen unserer kostbaren Zeit. NUR bitte im vollen Bewusstsein, dass bei weitem NICHT alles, was mit dem Etikett SOZIAL daherkommt, auch wirklich sozial ist. Und dass beim digitalen Teilen die ganz analogen Bedürfnisse der Empfänger immer auf der Strecke bleiben.