B. M. AY- Leidkultur und …

„Guten Morgen mein Lieber und guten Appetit“, sagte Ahmet, als er mit einer Tasse Kaffee in der Hand an den Tisch trat, wo Horst schon sein Frühstück mümmelte.

„Guten Morgen“, erwiderte Horst. Dann deutete er auf sein Frühstück und fuhr fort: „Entschuldige, dass ich schon mal angefangen habe. Ich hatte eine Scheißnacht und bin schon seit Stunden wach.“

„Kummer?“ fragte Ahmet.

„Nicht direkt“, antwortete Horst. „Albträume vielleicht. Ich weiß auch nicht was das ist. Da wachst du mitten in der Nacht schweißgebadet auf. Du kommst ins Grübeln. Irgendwann übernimmt die wirre Gedankenflut das Zepter vollends, und du bist Gefangener in ihren Endlosschleifen. Da hilft dann nur noch aufstehen, um der Tyrannei – in deinem eigenen Bett, dass in deiner eigenen Wohnung steht! – ein Ende zu bereiten.“

„Hhm“, murmelte Ahmet, nippte gedankenverloren an seinem Kaffee und fixierte den Brunnen auf dem Marktplatz. Den Drachenkopf, durch den unablässig Wasser in das darunter liegende Becken strömte, fest im Blick fuhr er fort: „Und für den Fall, dass dir das Material für die Albträume mal ausgehen sollte…. Der ganz gewöhnliche Alltag liefert Nachschub – jederzeit und in beliebiger Menge.“

„Ha, ha, ha!“ knurrte Horst.

„Entschuldige bitte“, sagte Ahmet und legte seine Hand beschwichtigend auf den Arm des Freundes. „Das war nicht an dich adressiert. Ich hab nur laut gedacht.“

„Schon gut“, sagte Horst. „Nach so einer Nacht liegen mir halt die Nerven blank. Denk weiter – ruhig auch laut. Aber jetzt hol dir erstmal ein Frühstück.“

Unschlüssig betrachtete Ahmet das Buffet am Eingang des Cafés. „Später vielleicht“, sagte er dann. „Im Moment hab ich keinen rechten Appetit.“

„Kummer?“ fragte Horst.

„Wie man`s nimmt“, sagte Ahmet. „. Die Leitkultur ist wieder mal in aller Munde. Ich dachte eigentlich, ich hätte das Thema für mich längst abgehakt. Das denke ich jedes Mal, wenn es nach Zeiten heißer Diskussionen endlich wieder in der Versenkung verschwindet. Aber kaum wird es erneut aufs Tapet gebracht; und das geschieht – meine ich zumindest – immer wenn die Bürgerlichen denken, sie müssten den Rechten mal wieder ein paar Wähler abjagen, bin ich sofort auf 180. Ich wünschte, sie würden sie irgendwann einmal endgültig beerdigen, die „Leitkultur“; dicke Marmorplatte drauf und Ruhe ist!“

„Da kannst du lange warten. Sie ist unersetzlich, weil universell einsetzbar, wenn es um zum Beispiel – wie du richtig feststellst – um Stimmenfang am rechten Rand geht. Ein bis zwei Mal im Jahr werden wir das schon aushalten müssen. Hab`s gestern in den Nachrichten gesehen“, antwortete Horst.

„Ich bin das so was von leid, dieses ganze Geschwätz über Kultur. Dabei spielt es für uns überhaupt keine Rolle von welcher Kultur wir uns leiten lassen. Der der alten Heimat? Oder doch besser der der neuen Heimat? Leiden tun wir so oder so. Ausgegrenzt werden wir auch: im ersten Fall von den Deutschen, im zweiten von unseren Türken“, murmelte Ahmet müde.

„Da seid ihr aber nicht die Einzigen!“ erwiderte Horst. „Du vergisst die Etwasanderen, die Quer- und die Freidenker, die die ihrer Zeit voraus sind…. Die Leitkultur jedes Landes ist immer auch Leidkultur, denn sie leitet – meistens unter Zwang und Androhung von Strafe – die Bevölkerung dazu an sich kulturkonform zu verhalten; auch dann wenn die Kultur, in die der Einzelne rein zufällig hineingeboren wurde, seinem Naturell völlig entgegen steht. Letztendlich leiden viele Menschen unter einer starren Leitkultur – mehr oder weniger, ganz abhängig davon wie stark sie sich an die mehrheitlich für „gut“ befundenen Normen anpassen können oder wollen.“

„Leitkultur – so ein Witz! Mit diesem Unwort allein wird schon zugegeben, dass es mehrere Kulturen nebeneinander gibt – und genau das ist den Leitkulturlern ein Dorn im Auge! – von denen eine die Leitung übernehmen soll. Wenn du mich fragst, sollten sie es Monokultur nennen. Das wäre dann wenigstens ehrlich!“ rief Ahmet grimmig.

„Monokultur?“ murmelte ein sehr alter Herr am Nebentisch leise. „Kann ich mich noch gut dran erinnern. Braun war die – damals.“