B. M. AY- Integration? –Selbstbestimmt!

(… bis mit einem leisen „Klick“ die Tür in den Raum mit
der Aufschrift „Integration“ einfach aufspringt.“
„Zugegeben, das hat was“, sagte Horst. „Mit deinem
Namen und deiner Verwandtschaft mit dem
Tankstellenbesitzer am Ortseingang hat Ayham sozusagen die Eintrittskarte zur Dorfgemeinschaft im
Gepäck.“)
„Was macht Ayham eigentlich?“ fragte Horst, als er und
Ahmet ihr Montags-Frühstück im Café Bauswein beendet hatten.
„Dies und das“, antwortete Ahmet. „Hält sich mit
Gelegenheitsjobs über Wasser. In den Arbeitspausen
liest und bearbeitet er die Notizen seinesAbenteuers
Europa.“
„Nicht wirklich gut also“, stellte Horst fest. „Er konnte
gutDeutsch, hatte einen festen Arbeitsplatz, eine kleine
Wohnung. Warum hat er all das Hals über Kopf aufgeben?“
„Hals über Kopf? Ganz und gar nicht“, murmelte
Ahmet. „Das ist schon eine längere Geschichte. Einen
Teil davon will ich dir gerne erzählen, wenn die
Kaffeebecher wieder gefüllt sind“, fuhr er lauterfort und
stand auf.
Wenig später stellte er den frischen Kaffee auf den
Tisch, setzte sich und begann:
„Vor gut drei Monaten traf ich Ayhamgegen Mittag in
der türkischen Kneipe am Schillerplatz. Die Flasche
Raki vor ihm auf dem Tisch war halb leer und Ayham,
der eigentlich keinen Alkohol anrührt, entsprechend
abgefüllt. Ich ging an die Theke, zahlte Ayhams
Flasche, ließ mir ein Glas geben, bestellte einen
Vorspeisenteller und setzte mich zu ihm.
„Ich fühle mich fremd hier – und das nach zwei
Jahren!“ sagte Ayham traurig.
„Ich auch, sehr selten zwar, aber das nach gut 40
Jahren!“ antwortete ich.
Ayham starrte mich entgeistert an. „Das“, sagte er tonlos, „hatte ich nicht hören wollen. Nicht jetzt und schon
gar nicht von dir – großer Bruder. Dass das schon
noch wird. Und dass du es ja auch geschafft hast,
hätte mir Auftrieb verliehen. Doch was machst du?
Schlägst mir das letzte Stück Hoffnung aus der Hand!“
„Hätte ich dich anlügen sollen, so wie mich selbst –
immer wieder während meiner Jahrzehnte hier?“ fragte
ich.
„Nein!“ antwortete Ayham mit fester Stimme. „Aber jetzt
bist du mir etwas schuldig, großer Bruder. Sag mir, was
ich tun soll!“
„Geh zurück – so schnell wie möglich“, riet ich ihm.
„Und was bitte ist so schnell wie möglich?“ fragte er bitter.
„Wer weiß das schon“, sagte ich. „Aber das mit dem
Fremdfühlen wird dich ein Leben lang begleiten, immer
wieder anfallen. Oft hinterrücks, manchmal inmitten
deiner eigenen Leute.“
„Das kenne ich“, sagte Ayhamnachdenklich. „Aber
warum?“
„Weil du du bist“, antwortete ich.
„Ich müsste also nur aufhören ich zu sein und das mit
dem Fremdfühlen wäre ein für alle Mal vorbei?“
„Klingt logisch – funktioniert aber nicht.“
„Danke für die Sackgasse!“ schimpfte Ayham.
„Viele haben das schon versucht. Keiner hat es je
geschafft, und nicht wenige haben dabei ihre Seele
verloren“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Sorry, aber das ist mir jetzt zu hoch. Ich geh nach
Hause. Oder besser gesagt dahin wo das Bett steht, in
dem ich meinen Rausch ausschlafen kann“,
knurrteAyham, stand schwerfällig auf und wankte in
Richtung Ausgang.
Vier Wochen später traf ich ihn im Café AYDIN.
Versonnen vor sich hinlächelnd saß er bei Tee und
Gebäck. „Vielleicht schon mein Abschiedstee. Setz
dich zu mir, großer Bruder“, begrüßte er mich fröhlich
und bestellte Tee für mich. Ich freute mich über die
Einladung und darüber ihn so gelöst anzutreffen. Eine
Weile saßen wir schweigend, Tee schlürfend beieinander.
„Wohin soll`s denn gehen, so plötzlich“, fragte ich
schließlich.
„Plötzlich? Nein. Ich habe nach unserem letzten
Gespräch viel nachgedacht. Geh zurück, so schnell wie
möglich – hattest du mir geraten. Zurück nach Hause
kann ich in nächster Zeit wohl nicht. Aber es gibt eine
Menge Orte auf dieser Welt, die meiner äußeren und
inneren Heimat näher sind als Mitteleuropa. Ich spreche arabisch, kurdisch und seit meiner Zeit in Izmir
auch türkisch. Und ich bin Moslem. Warum also nicht
in der Türkei abwarten, bis sich die Zustände in Syrien
normalisiert haben?“ antwortete Ayham.
„Das könnte dauern“, gab ich zu bedenken. „Auch in
der Türkei solltest du einen guten Plan haben, wie du
die Wartezeit zubringen kannst.“
AyhamsFröhlichkeit wich einem erst bösen, dann nachdenklich, traurigen Blick.
„Auch wenn ich genau das absolut nicht hören wollte,
weiß ich doch, dass du sowas von Recht hast. Hätte
ich damals in Izmir das Gefühl gehabt angekommen zu
sein, ich hätte mich ganz sicher nicht auf den gefährlichen Weg übers Meer nach Europa gemacht.“
Am Ende eines langen Nachmittags im Café AYDIN
stellte sich heraus, dass Ayhams Heimatort in Syrien
nur 50km jenseits der türkischen Grenze liegt und
meine Mutter aus einem grenznahenStädtchen in der
Osttürkei stammt, dasungefähr auf gleicher Höhe
liegt.Ein idealer Ort für Ayham, um den richtigen
Zeitpunkt für die Rückkehr abzuwarten“, schloss Ahmet
seinen Bericht.
„Und was ist mit dir?“ fragte Horst. „Nach nunmehr als
40 Jahren hier.“
„Angekommen!“ erwiderte Ahmet. „Mit jedem Jahr ein
Stückchen mehr, langsam, stetig, fast unmerklich.“
„Dein langer Atem hat sich also ausgezahlt“, stellte
Horst fest.
„Stimmt. Aber nur weil ich mich damit arrangierenkonnte, dass ich Ahmet bin, und es dasLand woMilch und
Honig fließen nirgendwo auf dieser Welt gibt.“
„Resigniert?“ fragte Horst vorsichtig.
„Nein,im Gegenteil. Selbstbestimmt und frei – endlich“,
erwiderte Ahmet ruhig.