B. M. AY- Integration? – Ohne viel Gebabbel

Ahmet stand auf, umarmte Ayham, klopfte ihm ausgiebig auf die Schulter, räusperte sich und sagte dann mit fester Stimme: „Gute Reise, Brüderchen. Lass von dir hören und grüß mir den Tankstellenbesitzer gleich rechts am Ortseingang. Der ist ein Enkel des Cousins meines Großvaters mütterlicherseits.“

„So, dein Integrationslotse bin ich also! Und das seit gut 40 Jahren?“ rief Horst mit gespielter Entrüstung, als Ahmet sich wieder gesetzt hatte. „Nett, dass ich das auch mal erfahre!“

„Entschuldige vielmals. Natürlich hätte ich dich davon in Kenntnis setzen sollen. Aber dass dem so ist, wurde mir auch erst in dem Moment klar, als ich dich Ayham vorstellte. Außerdem ist das Wort relativ neu“, verteidigte sich Ahmet grinsend.

Horst lehnte sich mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl zurück, hob die rechte Augenbraue. „Aha“, sagte er staubtrocken und brach in schallendes Gelächter aus. Ahmet stimmte ein, bis sie sich den Bauch vor Lachen kaum noch halten konnten.

„Und“, japste Horst. „Wie war ich denn so – als Integrationslotse?“

Ahmets wurde schlagartig ernst. Nachdenklich schwenkte er den funkelnden Teerest in seinem Glas und nahm den letzten Schluck. „Jetzt vergiss mal dieses Unwort“, sagte er. „Du warst freundlich, interessiert, zugewandt, mitfühlend, hilfsbereit, ein aufmerksamer Zuhörer und ein wohlwollender Ratgeber auf Augenhöhe. Integrationslotse? Nein!Eher einer, den ich notfalls mittenin der Nacht aus dem Bett hätte klingeln können.“

„Was du nie gemacht hast“, stellte Horst fest.

„Nein“, sagte Ahmet. „Allein die Gewissheit, es tun zu können, verlieh mir immer die Kraft das scheinbar unlösbare Problem selbst in den Griff zu bekommen.“Ahmet bestellte noch zwei Glas Tee. „Ganz abgesehen davon kann ich den Begriff „Integration“ schon lange nicht mehr ab, ganz gleich ob er allein daherkommt oder als zusammengesetztes Hauptwort wie „Integrationsbeauftragter”, „Integrationsbüro“ oder eben „Integrationslotse.“

„Wie würdest du es denn nennen? Irgendeinen Namen muss das Kind doch haben!“ gab Horst zu bedenken.

Ahmet schüttelte unwillig den Kopf. „Nein, ES muss erst einmal in die Welt gesetzt, von allen so lange gehegt, gepflegt und erzogen werden, bis es schließlich ganz von selbst immer das Richtige tut. Der Name tut genauso wenig zur Sache wie das ganze Gebabbel darüber. Was sowortreich als „Integration“eingefordert wird, muss einfach nur gelebt werden.“

„Wie soll das bitte gehen, ohne darüber zu reden, Wünsche und Vorstellungen auszutauschen, Möglichkeiten auszuloten?“

„Machen! Nicht darum herum reden! Einfach machen! Weißt du wie das bei uns auf den Dörfern seit Jahrhunderten geht? Da kommen immer wieder mal Fremde an, oft Regierungsbeamte, nicht selten zwangsversetzt. Einige davon greifen unsere „Integrationsbeauftragten“, schon während der Busfahrt auf und fragen sie aus. Andere werden spätestens dann in die Mangel genommen, wenn sie das erste Mal einen der Dorfläden betreten oder im Kaffeehaus auftauchen.“

„Gott, die Ärmsten!“ entfuhr es Horst.

„Fragt sich wer ärmer dran ist. Der, den die Gemeinschaft misstrauisch links liegen lässt oder der, dessen Herkunft sie bis ins siebte Glied seiner Vorfahren zu ergründen versucht“, sagte Ahmet nachdenklich. „Jedenfalls dauert es so höchstens einige Wochen bis das ganze Dorf über den Neuankömmling umfassend Bescheid weiß.“

„Ganz schön aufdringlich, diese Methode“, sagte Horst. „Und sie funktioniert nur, wenn der Neue die Sprache der Dorfbewohner spricht.“

„Bingo!“ rief Ahmet. „Hier haben ganz viele unserer Leute ihre Bringschuld – nämlich die Sprache zu lernen – vernachlässigt. Gute Ausrede für die Ortsansässigen, die im Gegenzug ihrer Holschuld – sich aktiv für die Fremden zu interessieren – nicht nachkamen.“

„Hhm“, sagte Horst. „Das mit der Sprache liegt auf der Hand. Aber die Holschuld?“

Ahmet sah den Freund lange an. „Du warst noch nie in der Fremde? Außer im Urlaub, wo du als Gast stets hofiert wirst. Einer, der als Fremder wo hinkommt, um auf vielleicht unbestimmte Zeit zu bleiben, fühlt sich erstmal richtig unwohl in seiner Haut, zieht sich eventuell zurück, um sein neues Umfeld vorsichtig in Augenschein zu nehmen. Da braucht es die Eisbrecher, die Neugierigen, die auf ihn zugehen, ihn nötigenüber sich zu erzählen und die, die das dann im Dorf herumerzählen. Das ist die Holschuld. Wenn die erbracht ist, dauert es meist nicht lange bis der Erste im Dorf entdeckt, dass er mit dem Fremden weitläufig verwandt ist, einer seiner Cousins mit dessen Vetter im Osten seinen Militärdienst abgeleistet hat oder sein Großvater auf dem gleichen Schlachtfeld gefallen ist wie der des Fremden…. Die Kette der Gemeinsamkeiten, die sich so auftun, wird immer länger, bis mit einem leisen „Klick“ dieTür in den Raum mit der Aufschrift „Integration“ einfach aufspringt.“

„Zugegeben, das hat was“, sagte Horst. „MitDeinem Namen und deiner Verwandtschaft mit dem Tankstellenbesitzer am Ortseingang hat Ayham jetzt sozusagen die Eintrittskarte zur Dorfgemeinschaft im Gepäck.“

„Jepp! Integration ohne viel Gebabbel!“ sagte Ahmet.

Fortsetzung folgt