B. M. AY- Integration? Oder doch nur Notaufnahme?

Unschlüssig stand Horst vor der Eingangstür des Café Bauswein. Für 11.00h war er mit Ahmet hier zum Frühstück verabredet. Die Rathausuhr stand auf viertel nach zehn. Nochmal kurz über den Marktplatz schlendern? Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee sog ihn schließlich durch den Verkaufsraum im Erdgeschoß die Stufen hinauf in das heimelige Cafe im ersten Stock.

Oben angekommen sah er seinen Freund Ahmet bereits an dem Zweiertisch sitzen, der seit einem halben Jahr ihr montäglicher Stammplatz war. „Seltsam“, dachte Horst. Ahmet war immer pünktlich, eher zwei, drei Minuten zu früh als zu spät. Aber heute Morgen? Gut 40 Minuten zu früh! Und noch etwas war anders als sonst. Der Freund saß, auf beiden Backen kauend, vor einem opulenten Frühstück. Horst ging ans Buffet und dann mit vollem Tablett an den Zweiertisch.

„Guten Morgen mein Lieber“, sagte er. Ahmet sah kurz auf und strahlte Horst erfreut an. Dann schob er weiter einen Bissen nach dem anderen eilig in den Mund, kaute hastig darauf herum und schluckte schließlich hinunter, was nicht ansatzweise gut gekaut sein konnte.

„Du wirst Magenschmerzen bekommen, wenn du so schlingst“, sagte Horst.

„Die hab ich schon seit Freitag“, antwortete Ahmet kurz und spülte mit einem großen Schluck Tee hinunter, was ohne Flüssigkeit nicht rutschen wollte. Horst arrangierte sein Frühstück auf dem Tisch und begann seinerseits, gemächlich jeden Bissen genießend, mit der ersten Mahlzeit des Tages.

„Wie war deine Woche?“ fragte er vorsichtig, als Ahmet die letzten Krümel vom Teller pickte. Ahmet schwieg.

„Dein erstes Frühstück heute?“ bohrte Horst weiter. Ahmet nickte.

„Alles in Ordnung zuhause?“

„Ja, schon“, antwortete Ahmet unwirsch. „Ich weiß auch nicht. Ich saß im Wohnzimmer und wartete darauf, dass Frühstücksduft durch die Küchentür in den Flur zieht. Nix war`s. Irgendwann bin ich aufgestanden und habe ganz vorsichtig nachgefragt, wann sie denn Frühstück richten will. Ich denk ja gar nicht dran, hat sie mich aus heiterem Himmel angefahren. Und als ich das Haus verließ, rief sie mir noch hinterher ich solle nur ja meine schlechte Laune auch mitnehmen. Ich und schlechte Laune hah!“

Während Horst sich das Frühstück schmecken ließ, sah Ahmet durch die Fenster des Cafés hinunter auf den Markplatz, zählte erst die Stände, dann die dazwischen herumwuselnden Menschen.

„Dabei habe ich wegen ihrem Cousin den ganzen Freitag in der Notaufnahme zugebracht“, sagte er plötzlich.

„Oups?!“

„Brustschmerzen, geht ihm aber schon besser“, fuhr er fort. „Meine Frau wollte, dass ich mitgehe – zum Übersetzen. Doch sie haben mich nicht mit reingelassen. Obwohl der Mann nur gebrochen Deutsch spricht. Über vier Stunden saß ich in einem verglasten Warteraum. Patienten und Angehörige kamen und gingen. Das Personal hetzte über die Flure, immer in Eile und kurz angebunden.… Einmal kamen ein älterer Herr mit arabischer Kopfbedeckung und seine Frau in den Warteraum. Der Mann ging, mit einem leeren Urinbecher in der Hand, zur Toilette. Kurze Zeit später kam er heraus, ließ sich von seiner Frau einen Stift geben und verschwand erneut. Als er wieder auf der Bildfläche erschien, machte er ein unschlüssiges Gesicht, wechselte einige Worte mit seiner Frau, schloss dann die Toilettentür und setzte sich mit leeren Händen neben sie. Etwas später wurde sein Name aufgerufen. Eine Schwester sagte, dass er ihr folgen solle. Er stand auf und ging in Richtung Toilette. Wild gestikulierend und recht ungehalten bedeutete sie ihm, dass dies die falsche Richtung sei. Mit einem letzten Blick zur Toilettentür hat er dann doch beschlossen klein beizugeben. Ich wusste warum er zur Toilette zurück gewollt hatte. Sie hätte ihn einfach gehen lassen können. Hat sie aber nicht! Stattdessen kam sie Minuten später mit hochrotem Gesicht zurück, um den Urinbecher auf der Toilette selbst zu holen. So spart man wahrhaftig Zeit! Macht nix. Jedenfalls das nicht! Viel schlimmer ist, dass sie selbstverständlich immer alles besser wissen, und das BEVOR sie die Patienten haben ausreden lassen. Und ohne Angehörige zum Übersetzen geht`s neuerdings wohl auch schneller?! Ob diese und andere Rechnungen genauso glatt aufgehen, wie die mit dem Urinbecher?“

„So ist das halt in der Notaufnahme!“ sagte Horst zwischen zwei Bissen.

„Ey gidi Batililar, die ihr das Leben eines Schweizer Präzisionsuhrwerks führt“, seufzte Ahmet.

Horst sah ihn fragend an.

„Wenn ihr euch in all den zurückliegenden Jahren die Zeit genommen hättet zuzuhören und vor allem uns auch ausreden zu lassen, wären wir uns vielleicht nicht so fremd geblieben.“

Horst schwieg.

„Wer nicht zuhören kann oder will vergeudet Zeit, verpasst Chancen, übersieht Ressourcen… So kann Integration nicht funktionieren; bestenfalls Notaufnahme. Und danach? Kannst du entweder gehen oder du kommst auf Station!“