B. M. AY- Anderland – die Zweite

…. Aber jetzt erzähl du mal wie du mir auf die Schliche gekommen bist“, sagte Adyam.

„Nun ja“, antwortete Elvia. „Auch ich habe von den Früchten gegessen. Und das kam so: Nachdem ich von allem Essbaren im Garten gekostet hatte, war ich neugierig auf das „Verbotene“ geworden. War es denn giftig? Oder vielleicht überirdisch köstlich? Tage-, ja wochenlang oft schlich ich um den Baum. Wenn ich den Herrn kommen sah, versteckte ich mich gut. So konnte ich Ihn ungestört beobachten: Wie Er über die Ebene auf den Baum zuging, gebeugt, die Stirn in Falten, mit sorgenvollem Blick. Ich sah Ihn nach den Früchten greifen, sie fast gierig hinunterschlingen, und wie sich danach seine Gestalt aufrichtete, die Stirn glatt wurde und seine Augen zu leuchten begannen. Je öfter ich dem beiwohnte, desto neugieriger wurde ich. Ich schloss also die Große Schlange zu fragen.”

„Ganz schön mutig“, sagte Adyam und nickte anerkennend. „Allerdings“, fuhr Elvia fort. „Ganz geheuer war Sie mir ja auch nie. Aber Sie ist das einzige Wesen hier, das Fragen beantwortet, die ich dem Herrn selbst nie zu stellen wagen würde. Auch wenn sie zuweilen in Rätseln spricht, haben mich die Unterhaltungen mit ihr immer weiter gebracht. Kurz nachdem der Herr wieder einmal von dannen gezogen war, kündigte ein Rascheln im hohen Gras Ihr Kommen an. Sie glitt schnurstracks auf den Baum zu und schlängelte sich hinauf in die Spitze, wo die herrlichsten der verbotenen Früchte hängen. Ich beschloss zu warten, bis Sie wieder herunter käme. Allein es verging eine halbe Ewigkeit, bevor Sie wieder auftauchte – lautlos.

Ich hatte gerade aufstehen und gehen wollen, da sagte eine Stimme hinter mir: „Schau, schau, die Elvia!“
Ich fuhr herum und blickte geradewegs in die starren Augen der Großen Schlange. „Was liegt an? Was treibt dich diesmal um?“ wollte Sie wissen.
„Nichts von Bedeutung. Wieso fragst du?“ antwortete ich.
„Komm, komm. Vor dem Herrn kannst du dich vielleicht verstecken. Aber wenn du mich hinters Licht führen willst, musst du schon ein bisschen früher aufstehen. Also raus damit!“ sagte Sie.
„Naja, ich weiß nicht so recht…,“ begann ich.
„Dafür weiß ich es umso besser. Die verbotenen Früchte haben es dir angetan. Seit Wochen schon schleichst du immer wieder um den Baum, schaust hinauf, berührst die Früchte. Aus sicherem Versteckt beobachtest du den Herrn, wie Er davon isst.“
„Aber woher?…“ fragte ich.
„Du stellst die falschen Fragen“, antwortete die Schlange.
„Falsche Fragen?“ stotterte ich verwirrt.
„Natürlich könnte ich dir auch diese Frage beantworten, wenn dich meine Antwort weiterbrächte. Tut sie aber nicht! Also?“ fragte die Schlange.

Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen:
„Wie schmecken sie, diese verbotenen Früchte?“ fragte ich.
„Nach nichts, nach rein gar nichts“, flüsterte die Schlange.
„Wieso esst ihr dann davon, Du und der Herr?“
„Das, meine Liebe, musst du schon selbst herausfinden.“
„Wie?!“
„Jetzt mach aber mal ´nen Punkt, Elvia. Du bist doch ein schlaues Mädchen.“
„Du meinst ich soll davon kosten?“ fragte ich vorsichtig.
Die Schlange nickte. „Es ist der einzige Weg.“
„Pflückst du mir eine?“ fragte ich freudig.
„Und dann? Was dann? Soll ich sie dir vielleicht auch noch vorkauen?! Damit du hernach dem Herrn und all deinen Nachkommen weismachen kannst, ich sei schuld. Nein, meine Liebe, die Verantwortung für diese Entscheidung musst du schon selbst übernehmen!“ zischte die Schlange ärgerlich.
„Entscheidung?“
„Ja, ENTSCHEIDUNG! Gewöhn dich schon mal an das Wort, denn wenn du von der verbotenen Frucht gegessen hast, wird dein Leben voll davon sein.“

„Dann lass ich das wohl lieber“, dachte ich. Aber die Große Schlange kann Gedanken lesen. Sie schlängelte sich ganz dicht an mein Ohr.
„Ganz wie du willst“, flüsterte Sie geheimnisvoll. Dann glitt Sie blitzschnell davon.

„Halt! Warte! Du kannst mich doch nicht hier…!“ rief ich panisch. Vergeblich. Was also blieb mir anderes übrig als eine der unteren Früchte vom Baum zu pflücken. Und natürlich habe ich auch davon gegessen. Weil es mir danach fast genauso erging wie dir, wusste ich gleich was Sache ist, als du mir von deinen Träumen zu erzählen begannst.“

Adyam stand auf. „Komm“, sagte er. Elvia zögerte. „Es ist Zeit, Zeit aufzubrechen, nach – ich nenne es Anderland“, fuhr er fort. „Sicher?“ fragte Elvia. Adyam nickte. „Ganz sicher. Meine Entscheidung – meine Verantwortung – für unsere Träume!“

Fortsetzung folgt