B. M. AY- Anderland – die Dritte

Adyam stand auf. „Komm“, sagte er. Elvia zögerte. „Es ist Zeit, Zeit zu gehen, nach – ich nenne es Anderland“, fuhr er fort. „Sicher?“ fragte Elvia. Adyam nickte. „Ganz sicher. Meine Entscheidung – meine Verantwortung – für unsere Träume!“

Jahrtausende später saß der Herr in seinem Ohrensessel im Saal der Tausend Fenster und starrte gedankenverloren auf eins der Mosaike im Boden, als es an der Tür klopfte.

„Herein“, sagte er müde. Die Tür ging auf und die Große Schlange schlüpfte in den Raum. „Du hast nach mir gerufen?“ fragte sie vorsichtig.
„Hhm, ja… eigentlich“, antwortete der Herr unschlüssig. „Aber wenn du schon mal hier bist. Nimm Platz, bitte“, sagte er dann mit festerer Stimme und wies mit der Hand auf den zweiten Ohrensessel im Saal, direkt neben seinem.

Geschmeidig glitt die Große Schlange auf die Sitzfläche, wo sie ihren Körper elegant zusammenrollte, um zuletzt ihren Kopf ganz bequem auf der Armlehne abzulegen und mit geschlossenen Augen ein Weilchen vor sich hinzudösen, während der Herr weiter kopfschüttelnd seinen Gedanken nachhing. Dabei murmelte er stetig vor sich hin. „Unglaublich!… Welche Farce!… Wie kommen die auf sowas?…

„Wie kommt wer auf was, bitte?“ fragte die Große Schlange schließlich ungeduldig, längst steif vom langen Stillliegen. „Erst rufst du mich. Dann liege ich hier eine halbe Ewigkeit und warte darauf, dass du herausrückst mit der Sprache. Aber außer ein paar unzusammenhängenden Wortfetzen zwischen unverständlichem Gebrummel, krieg ich absolut nichts zu hören. Lass mich raten. Hat es vielleicht – rein zufällig – wieder einmal etwas mit den Nachfahren von Elvia und Adyam zu tun?“ maulte sie ungehalten.

„Wie kommst du denn darauf?“ fragte der Herr unwirsch.

„Weil das nun schon seit ewigen Zeiten so geht. Jedes Mal wenn du Probleme mit diesem Teil deiner Schöpfung hast, muss ich hier antanzen. Ich habe das sooooo was von dick, kann ich dir sagen“, schimpfte die Große Schlange.

„Na ja, du warst halt viel mit ihnen zusammen, unten im Garten. Und Elvia hat doch wohl öfter deinen Rat gesucht“, erklärte sich der Herr.
„Ach, und weil ich zufällig im Garten war, als Elvia von den verbotenen Früchten aß…“, fuhr die Schlange auf. „Als nächstes wirfst du mir noch vor, dass ich sie nicht daran gehindert habe!“

„Besser gewesen wär`s schon“, sagte der Herr matt.

„Für dich vielleicht. Ich hab nichts zu schaffen mit denen. Weder hab ich sie in die Welt gesetzt noch…. Ich weiß wirklich nicht, warum du dich über die noch aufregst“, zischte die Große Schlange und wandte sich ab.

„So!“ rief der Herr und schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Sessels. „Dann will ich dir jetzt mal was zeigen!“ Mit dem Finger zeigte er auf eines der Fenster. Der Vorhang hob sich und gab den Blick frei auf das Innere eines gemauerten Gebäudes.
„Was siehst du?“ rief er mit zitternder Stimme.
„Tontafeln?“
„Richtig! Sie haben beschlossen ihre Version der Geschichte für die Ewigkeit – oder zumindest das was sie darunter verstehen – festzuhalten. . Lies es! Und zwar laut!“

„Eines Tages stand Elvia unter dem Baum mit den verbotenen Früchten. Da kam die Große Schlange. Iss davon, säuselte die Hinterlistige Elvia ins Ohr. Elvia zögerte. Der Herr hat`s verboten, antwortete sie. Vergesst den Herrn, esst einfach davon und ihr werdet sein wie Er. Die Große Schlange redete noch eine Weile auf Elvia ein und zeigte ihr dann wo die besten Früchte hingen. Da konnte Elvia nicht länger widerstehen, griff zu und biss in die Frucht. Die schien ihr so köstlich, dass sie damit zu Adyam eilte und nicht ruhte, bis auch er davon gegessen hatte. Es dauerte nicht lange und der Herr entdeckte den Frevel. Voller Zorn jagte er Elvia und Adyam aus seinem Garten“. …

Während sie vorlas, war die Große Schlange immer näher auf das Fenster zu gekrochen. Dort angekommen, drehte sie sich um und sah den Herrn mit großen Augen an.

„Was erlauben die sich!?“ zischte sie außer sich vor Wut.

„Ich weiß wirklich nicht, warum du dich über die jetzt aufregst“, sagte der Herr und schmunzelte.

Ende?