B. M. AY- KONSUMISTAN – Böse Neue Welt?

Das Frühjahr ist im Anflug, kann Anfang März aber noch nicht so recht bei uns landen, wird immer wieder hinweggefegt von heftigen Sturmtiefs, deren Anzahl und Stärke während der letzten drei Jahrzehnte stark zugenommen hat. Anfang der 1990er hat ein Orkantief ganze Nadelholzparzellen unseres Gemeindewaldes buchstäblich abrasiert, Hausdächer teilweise abgedeckt, unser Haus aber nur einen Firstziegel gekostet. Das war dann etwas Rennerei, bis sich nach Tagen bangen Wartens, Gott sei Dank ohne nennenswerte Niederschläge, ein Dachdecker einfand und den von uns beschafften Ersatz in luftiger Höhe wieder einspeißte. Die folgenden zehn Jahre erholte sich der Wald weitgehend ohne menschliche Eingriffe. Man hatte aus dem Fehler „Monokultur“ gelernt und solche Katastrophen schienen die Ausnahme zu bleiben.

Dann aber setzten sich heftige Sturmtiefs mit schöner Regelmäßigkeit im Spätwinter in den Wetternachrichten fest. Vor etwa 10 Jahren erwischte es auch uns wieder sehr heftig. Vom Krach zerschellender Keramik geweckt, lagen wir im Bett und überlegten, ob das Ziegel vom Dach oder einfach nur meine und der Nachbarn Tontöpfe waren. Mit sehr gemischten Gefühlen begab ich mich im Morgengrauen auf den Dachboden. Dort war Gottlob alles dicht. Im Garten dagegen ein Bild der Verwüstung: Alle Tontöpfe, auch den größten mit unserem Olivenbaum, hatte der Sturm von der Terrasse eineinhalb Meter in die Tiefe gerissen. Nachbars Sitzkissen lagen auf meinen Beeten, seine Gartenmöbel hingen am Maschendrahtzaun. Die eigentlich windgeschützte Ecke, wo ich Plastiktöpfe für die Pflanzenanzucht ordentlich aufgestapelt hatte, war blitzblank gefegt. Diese Fliegengewichte hatte der Sturm in der ganzen Nachbarschaft verteilt. Mir war nur zum Heulen angesichts der anstehenden Aufräumarbeiten. Ein Nachbar, dem seine Balkonkästen vom ersten Stock aufs Wintergartendach gekracht waren, hatte einen Nervenzusammenbruch.

In den folgenden Monaten und Jahren häuften sich die Medienberichte über Extremwetterereignisse und deren Schäden. Der Ruf nach besserer Unwetterwarnung wurde lauter. Ich fand eine Website, die sehr gute, zuverlässige Unwetterwarnungen lieferte. So war ich in der Folgezeit meistens in der Lage aufzuräumen, bevor das angekündigte Unwetter losbrach. Ich nutze diesen Service seither mehrmals die Woche. Kein Rundum-Sorglos-Paket, aber eine gute Orientierung über zu erwartende Unwetterereignisse, und das gute Gefühl im Vorfeld Vorsorgemaßnahmen ergreifen zu können, schonen mein Nervenkostüm gewaltig. Dass dieser, in meinen Augen unbezahlbare Service auf den ersten Blick kostenlos daher kam, nahm ich als selbstverständlich hin. Internet? Alles gratis! Das war nicht nur meine naive Vorstellung. Das bisschen Werbung, im Vergleich zu heute äußerst dezent, störte nicht weiter.

Von analoger Werbung mittels Schild am Briefkasten weitgehend befreit, schlich sich Werbung im Laufe der Zeit vermehrt in digitaler Form über den Laptop-Bildschirm bei uns ein, entwickelte sich – Dank immer schnelleren Internets – zu Myriaden den kostbaren Bildschirmplatz besetzender, in neonfarben blinkender und marktschreierisch plärrender Plagegeister. Meine Unwetterwarnungs-Site ist auch voll davon. Weil? Leider kostenlos!

Öffentlich-rechtliche Rundfundanstalten zum Beispiel kommen im Internet werbefrei daher, weil ich über die Gebühren, die sie vierteljährlich von meinem Konto abbuchen, ihr Tagwerk finanziere. Ich zahle gern dafür, dass ich beim Besuch ihrer Mediatheken mit meiner Aufmerksamkeit bei dem von mir gewählten Thema bleiben kann. Informationen scheinbar kostenloser Websites muss ich dagegen mit meiner Aufmerksamkeit, für die meinen Sinnen aufgezwungene Werbung, entlohnen. Letzteres geht mir zwar erstmal nicht ans Portemonnaie. Dafür weiß ich aber nach wenigen Sekunden auf den mit Werbung überfrachteten Seiten oft nicht mehr weshalb ich diese überhaupt angeklickt hatte. Oder ich lande durch eine unbedachte Bewegung mit der Maus plötzlich auf dem Markplatz eines mir bis dahin unbekannten –  mehr oder weniger seriösen – Verkäufers von „ASDFGHJKLÖÄ“ und schwupps auch noch beim Nächsten – mit „ÄÖLKJHGFDSA“ im Angebot.

Leute, lasst euch nicht verarschen! Leistung ohne Gegenleistung gibt es nirgendwo! Ihr werft eure Arbeitskraft ja auch nicht zum Nulltarif auf den Markt! Entweder ihr opfert ein bisschen Kleingeld für euch wichtige, ausgewählte Dienstleistungen aus dem Netz. Oder die Anbieter holen sich ihren Lohn, indem sie euer Hirn annektieren und kolonialisieren, bis euch früher oder später alle Sicherungen durchbrennen und der Weg zu eurem Portemonnaie sich über die Hintertür öffnet. Böse neue Welt? Nein! Ihr entscheidet: Was ihr braucht, kauft und in welcher Währung ihr dafür zahlt! Noch! Solange es genügend werbefreie Websites gibt.